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Lieblingsfiguren: Der Trickster

  • Autorenbild: Harlow
    Harlow
  • 31. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 20. Feb.


Ich gebe es zu: Loki is my spirit animal. Und das nicht nur, weil er im MCU von Tom Hiddleston gespielt wird, der ein echtes Schnittchen ist und diese Figur mit unheimlicher Tiefe darstellt. Ich sag es, wie es ist: Er stiehlt Thor die Show.

Loki als Figur, angelehnt an den Gott der nordischen Mythologie, fasziniert mich einfach. Ich habe eine Schwäche für diese Figuren, die vielschichtig sind und denen man nicht trauen kann, die sämtliche Regeln brechen und alles auf den Kopf stellen. Ich lese und schaue sie gerne und ich liebe es auch, sie zu schreiben. Kurz gesagt: Trickster zählen zu meinen Lieblingsfiguren.


In diesem Blogbeitrag erzähle ich dir, was mich an Trickstern so fasziniert und wie ich selbst diesen Archetypen beim Schreiben umsetze. Dies ist Teil 1 meiner Serie über Lieblingsfiguren.



Lieblingsfiguren Serie Teil 1 Der Trickster


Was sind Tricksterfiguren?


Wenn dir in einem Roman oder Film eine Figur begegnet, die du nicht klar einordnen kannst, die durch ihre spitzen, im Kern wahren Kommentare auffällt und deren Handlungen immer wieder überraschen und nicht selten frustrieren ("Was? Hat sie das jetzt wirklich gemacht?" *facepalm*), dann könnte es sein, dass hier ein Trickster am Werk ist. 


Diese Figuren sind weder eindeutig gut, noch eindeutig böse, weshalb sie das Paradebeispiel eines Morally Gray Charakters darstellen. Ihre Unvorhersehbarkeit sorgt für Chaos. Sie halten anderen Figuren, und oft auch dem Publikum, einen Spiegel vor. Das alles tun sie auf so eigene, humorvolle Weise, dass wir ihnen kaum böse sein können. 


Hast du jetzt auch Jack Sparrow vor Augen? Deadpool, Joker, Lisbeth Salander, Till Eulenspiegel, Bugs Bunny? Sie alle sind moderne Tricksterfiguren. Sie halten sich nicht an Regeln, sind moralisch ambivalent, setzen Humor, Täuschung, Intelligenz und Subversion geschickt ein und sind immer für eine Überraschung oder einen Twist gut. 


Was sie aber auch alle mitbringen (bis auf Bugs Bunny, aber wer weiß!): Eine tragische Vergangenheit und tiefe Wunden. Genau das macht sie als Figuren so faszinierend. Sie sind nicht die strahlenden (Super)Held:innen, die zwar ab und zu auch eine schlimme Vergangenheit haben, aber sich dennoch für “das Richtige” entscheiden. Sie sind aber auch nicht die Bösewichte, deren Verletzungen sie dazu bewegt haben, jegliche Werte über Bord zu werfen und nur noch sich selbst zu sehen. Trickster sind immer mehrdimensional, was wir als zutiefst menschlich empfinden und uns gerade deshalb in diesen Figuren wiedererkennen. Und sind sie auch noch so nervig, antagonistisch und egozentrisch: We root for them. Wir wollen, dass sie gewinnen.


Trickster stehen außerhalb, sind Außenseiter und können genau deshalb Probleme und Situationen in einem anderen Blickwinkel sehen. Dadurch haben sie meist einen besseren Einblick als alle anderen Figuren und können Dinge hinterfragen. Damit sind sie allen anderen gefühlt immer einen Schritt voraus. Diese Position außerhalb, mit der damit einhergehenden Unabhängigkeit und einer gewissen Überlegenheit, macht sie zu Vorbildern. Wären wir nicht alle manchmal gern Jack Sparrow? Zumindest was seine innere Freiheit und die Fähigkeit, sich aus jedem Schlamassel rauszuwinden, betrifft.





Trickster in Mythos und Realität


Tricksterfiguren sind alt und universell. Es gab und gibt sie in jeder Mythologie, auf allen Kontinenten und zu jeder Zeit. Ob nun Loki als nordischer Gott des Schabernacks, der alles durcheinanderbringt, Hermes, der zwischen den Welten reist, Coyote und die ambivalente Baba Jaga, oder Anansi, der Spinnengott, dessen Waffe seine Geschichten sind.


Jede Kultur hatte und hat ihren eigenen Trickster, oft sogar mehrere und als männliche und weibliche Form. Obwohl das Geschlecht eigentlich gar keine Rolle spielt, da diese Figuren in allem fluide sind. Sie können Geschlecht und Gestalt ändern und tun dies in vielen Erzählungen, um zu täuschen, ihre Haut zu retten oder Mächtige zu unterwandern. Vielleicht kennst du die Sage, in der Loki sich in eine Stute verwandelt und in dieser Gestalt sogar Kinder gebiert. Und wenn du die Loki-Serie gesehen hast, weißt du, dass MCU-Loki ebenfalls ein Meister der Täuschung durch Gestaltwandel ist und kanonisch bi+. 


Dass Trickster überall und immer zu finden sind, hat einen ganz bestimmten Grund: Nur Trickstererzählungen bieten die Möglichkeit, Werte, Normen und Machtstrukturen zu hinterfragen, ohne sie frontal herauszufordern und womöglich dafür bestraft zu werden. Jede Gesellschaft zu jeder Zeit braucht solche Figuren, um sich weiterentwickeln zu können.



Warum Trickster heute besonders aktuell sind


In starren Systemen sind Trickster die Störung. Sie entlarven Macht, Moral und Regeln. Oft stehen sie zwischen den Identitäten. Sie überleben dank Intelligenz und Witz statt körperlicher Stärke und Waffengewalt. 


Wenn wir uns die aktuelle gesellschaftliche und politische Landschaft ansehen, merken wir schnell: Auch heute noch, und vielleicht mehr denn je, brauchen wir Trickster. Menschen und Geschichten über Menschen, die sich nicht auf eine Seite schlagen, sich nicht mundtot machen lassen, die Dinge beim Namen nennen und uns den Spiegel vorhalten. 


Leider ist nicht überall Trickster drin, wo in einem ersten Impuls das Label draufgeklebt wird. Narzisstische Politiker:innen mit der Rhetorik eines Kindergartenkindes sind keine Trickster. Klima-Aktivist:innen, die aus Protest Kunstwerke zerstören, sind keine Trickster. Oppositionsführer:innen in einem autokratischen Staat, die für ihre Werte ins Gefängnis gehen und dort sterben, sind vielleicht Helden, aber keine Trickster. Wenn du für die Demokratie auf die Straße gehst, bist du kein Trickster (und willst es in dem Moment wohl auch gar nicht sein). 


Aber ein anonymer Street-Art-Künstler, dessen Kunstwerke seit Jahrzehnten überall in der Welt urplötzlich auftauchen und uns aufrütteln? Eine Performance-Künstlerin, die mit Po-Po-Po-Pokerface gesellschaftliche Normen hinterfragt? Ein Musiker, der sich als Alien inszeniert, sich bis zum Schluss immer wieder neu erfindet und seiner Zeit weit voraus ist? Ein Autor, der mit seiner Scheibenwelt Machtsysteme, Bürokratie und Religion entlarvt? 


Sind vielleicht Kunstschaffende die Trickster unserer Zeit?





Trickster in meinen Geschichten


Als Figuren passen Trickster gut in Geschichten, in denen nichts eindeutig ist und es keine klaren Helden und keine eine Wahrheit gibt. Geschichten, die sich nicht zu Moralaposteln aufschwingen, sondern uns zeigen wollen: "Man kann die Sache so oder so sehen. Hier sind verschiedene Ansätze. Überlege selbst, welcher davon dir richtig erscheint." 


Das sind selten bequeme Texte, denn sie fordern uns heraus, bringen uns zum Nachdenken und wirken noch lange nach. Das sind die Bücher, die wir lesen und dann all unseren Freundinnen empfehlen (, damit wir endlich mit jemandem darüber diskutieren können). Das sind die Geschichten, die ich schreiben möchte.


Darum findest du auch in meinen Geschichten Tricksterfiguren. Eine davon ist Antonio, der Protagonist der Kurzgeschichte Nebelhexer, deren Anfang du hier auf meiner Website lesen kannst. Als Nebelhexer vereint er die Kräfte verschiedener Elemente in sich. Seine Begleiterin ist ein Kojote, die Tricksterfigur in der Mythologie der First Nations Nordamerikas.


Antonio entzieht sich gekonnt jeder Zuordnung in Schubladen, hält sich nur an Regeln, die ihm einleuchten (z.B. die Regeln in seinem Job, dem Wracktauchen) und entscheidet sich selten wirklich für die eine oder die andere Seite. Gleichzeitig nimmt er kein Blatt vor den Mund, eckt ständig an, kann sich aber meistens mit Charme und Humor aus der Affäre ziehen. Seine erste Begegnung mit dem Kojoten erlebst du im Anfang der Kurzgeschichte. 

Hier geht’s zur Leseprobe.


Kunstschaffende als moderne Trickster


Trickster sind sehr dankbare Figuren. Mit ihnen wird es nie langweilig, denn sie sind ständig in Bewegung, schwer einzuschätzen und verursachen Chaos. Das ist genau die Art Entwicklung und Veränderung, die Geschichten brauchen, um spannend zu sein. Gleichzeitig sorgen diese vielschichtigen Figuren für Tiefe und Humor.


Was meiner Meinung nach noch fehlt, sind mehr weibliche Trickster. Es gibt sie in Mythologie und Literatur, aber sie sind noch sehr unterrepräsentiert. Da habe ich eventuell zukünftig auch was für dich … Außerdem wünsche ich mir, dass noch mehr mit der Nicht-Binarität und (Gender-)Fluidität gespielt wird, die viele Tricksterfiguren von jeher in sich tragen. 


Vielleicht müssen wir, gerade als Kunstschaffende, in einer Welt im Umbruch selbst ein wenig zu Trickstern werden, klug hinterfragen, der Welt mit Humor und Kreativität einen Spiegel vorhalten und uns einen Raum der geistigen Freiheit schaffen und bewahren, aus dem heraus wir agieren. Nicht unbetroffen, aber doch von außen beobachtend. 


Was meinst du?


Auf Wiederlesen!

XOXO

Harlow 🖤







1 Kommentar


Sonja Tornefeld
23. Feb.

Ein sehr aufschlussreicher Artikel, liebe Svea! Ich bin auch großer Loki-Fan, wobei es sich bei mir ein bisschen ausgemarvelt hat und ich das Interesse am MCU irgendwie verloren habe. An Loki lags nicht. Aber das ist eine andere Geschichte. Den Trickster finde ich super spannend als Archetyp, aber er ist schwer, zu schreiben. Mir fiel zwar beim Lesen deines Artikels eine meiner Figuren ein, die große Ähnlichkeit mit einem Trickster hat, aber ob es genau hinkommt - ich weiß es nicht. Ich glaube aber, du magst ihn sehr :D. Da werde ich definitiv nochmal grübeln. Danke für den schönen Artikel!


Liebe Grüße,

Sonja

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Hi, ich bin Harlow,

Autorin magischer Bücher mit queeren Figuren zum Träumen, Fühlen und Nachdenken.

 

Willkommen auf meiner Hexeninsel, wo die Grenzen zwischen den Welten durchlässig sind.

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Fantasy-Autorin fueled by Chai Latte und dem dringenden Bedürfnis, die Bilder aus ihrem Kopf in Worte zu fassen.

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