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Leseprobe

Hier findest du eine Kostprobe meiner magischen Geschichten in Form von 1,5 Kurzgeschichten. Viel Spaß beim Lesen. Und wenn sie dir gefallen, freue ich mich über eine Nachricht.

* Psst, wenn du ein paar interessante Hintergrund-Infos zu den Geschichten erfahren möchtest, trage dich gern für die WyldeWorte Flaschenpost ein.

Über die Buttons kannst du schnell zu der Leseprobe springen, auf die du gerade am meisten Lust hast. Lesenswert sind sie natürlich beide.

Das Grimoire der letzten Seehexe

Eine abgeschlossene Kurzgeschichte über einen Wächter und ein ganz besonderes Buch. Ein bisschen düster, ein bisschen Cozy und mit ganz viel Buchmagie.

Nebelhexer

Der Anfang einer Kurzgeschichte im Universum meiner Shellrock-Hexen.

Wie weit kannst du vor deinem magischen Erbe davonlaufen, wenn du ein Marlowe bist?

Das Grimoire der letzten Seehexe

Das Grimoire der letzten Seehexe

Draußen schlug die Brandung auf die Klippen ein. Der Turm stand hoch über dem Meer, doch Gestein und Wind trugen die tiefe Stimme der Wellen zu mir herauf, ihr Donnern ein wummernder Rhythmus unter meinem Herzschlag.

  Auch heute schritt ich bei meinem allabendlichen Rundgang die Bücherregale ab, Reihe um Reihe, und betrachtete im Licht der Laterne all die Bücher, die man hierher gebracht hatte, um zu sterben.

  Die Titel auf den ledernen Buchrücken tanzten vor meinen Augen und luden mich ein, sie bei der Hand zu nehmen und in ihren Geschichten zu Gast zu sein, solange ich wollte. Aber ich durfte diese Bücher nicht lesen, nicht einmal berühren. Ich durfte sie nicht aufschlagen, um ihren Duft nach Erkenntnis und Selbstvergessenheit einzuatmen. All diese Bücher befanden sich aus einem einzigen Grund hier im Turm: Um auf keinen Fall gelesen zu werden. Sie waren hierher gebracht worden, um lautlos zu vergehen. Und die Magie zwischen ihren Seiten mit ihnen.

  Meine Versetzung in den Turm der verbotenen Bücher sollte eine Strafe sein und das war sie auch. Eine Folter. Weil ich auf meinem letzten Posten eingeschlafen war oder vielmehr, weil man mich aufgrund meines Bauchumfangs nicht für fähig hielt, einen Palast zu bewachen, hatte man mich dazu verdammt, diesen Büchern beim Zerfallen zuzusehen. Und jede Nacht starb etwas in mir mit ihnen.

  Ich durfte nicht lange verweilen. Bruna wartete unten auf mich. Aber das Beste hatte ich mir wie immer bis zum Schluss aufgehoben. Ich erklomm die steile, steinerne Wendeltreppe ins oberste Turmgeschoss, wo die gefährlichsten Bücher von allen dahinsiechten; die magischen Bücher. Zauberbücher. Bücher, in denen wahrhaftig Magie verborgen lag. Wie jedes Mal blieb ich vor der großen Glasvitrine mit dem meergrünen Ledereinband stehen, atmete erleichtert aus und versank in der Betrachtung.

Um was für ein Buch es sich wohl handelte? Es hatte keinen Titel und es gab kein Schild an der Vitrine, das mir verraten hätte, welchem Buch ich derart verfallen war. Fest stand nur, dass seine Magie mich gefangen genommen hatte. Doch wann immer ich hier stand und es durch das Glas zwischen uns betrachtete, fühlte es sich nicht wie Gefangenschaft an, sondern wie eine Befreiung.

  Das hinter Glas eingekerkerte Buch sprach zu mir. Auch jetzt, da ich mich wieder vor der Vitrine eingefunden hatte, wisperte es mir zu. Was es sagte, verstand ich nicht, doch die unbekannten Worte, die durch mein Bewusstsein flossen, gaben mir Kraft und Trost. Sie wirkten wie ein Wiegenlied in einer fremden Sprache, wie das mächtige Rauschen der Wellen am Fuße des Turms, unendlich, gefährlich, tröstlich. Ich erlaubte mir einen Augenblick des Versinkens, ehe ich mich umwandte und mich auf den Weg zurück nach unten machte.

  Gerade hatte ich die mittlere Etage durchquert und meinen Fuß auf die oberste Stufe der nächsten Treppe gesetzt, da drang ein Schaben und Kratzen an meine Ohren. Es kam von dem winzigen Fenster am Ende einer langen Regalreihe, das offen stand. Der Vollmond schien silbrig aus seinem dunklen Himmelsbett herein und ich hielt den Atem an. Die Fenster des Turms besaßen Scheiben aus buntem Mosaikglas, das bei Tageslicht vielfarbige Bilder auf die alten Holzböden warf und vom trübsinnigen Anblick der dahinsiechenden Bücher abzulenken versuchte. Noch niemals hatte ich eines dieser Fenster geöffnet gesehen. Bis jetzt.

  Das schabende Geräusch wurde lauter. Ohne nachzudenken, schirmte ich die Flamme der Laterne mit meinem Umhang ab und huschte hinter das vorderste Bücherregal, lugte jedoch daran vorbei zum Fenster. Ehe ich mir ausmalen konnte, welches Ungeheuer sich wohl dort an der Außenwand des Turms zu schaffen machte, schob sich ein Schatten vor den Vollmond. Für einen kurzen Augenblick füllte ein massiver Körper die Fensteröffnung zur Gänze aus. Er wand sich hindurch und zwei Füße kamen mit einem leisen Tappen auf den Bodendielen auf. Die menschlich anmutende Gestalt, die soeben in den Turm eingedrungen war, richtete sich auf, ein schwarzer Umriss gegen das hereinfließende Mondlicht.

  Ich schluckte und wagte nicht, zu blinzeln. Ein Einbrecher? Wie war es ihm gelungen, das Fenster von außen zu öffnen? Wie konnte es sein, dass ein ganzer Mensch durch die winzige Öffnung passte? Was sollte ich tun?

  Die dunkle Gestalt drehte den Kopf. Dann bewegte sie sich lautlos vorwärts, ihre Schritte fließend, als berührten die Füße den Boden nicht. Sie kam auf mich zu.

  Ich sollte Alarm schlagen. Mein wild pochendes Herz rief mir zu, mich versteckt zu halten, bis der Eindringling vorbeigeschlichen war. Ich würde Bruna zu Hilfe holen und ihn gemeinsam mit ihr stellen. Doch da war noch eine andere Stimme. Leiser, flüsternd, aus den Tiefen meines Selbst aufsteigend, fremd und doch vertraut. Die Stimme des meergrünen Zauberbuchs wisperte in mir und sagte etwas anderes als meine Angst.

  Der Schatten hatte das Regal, das mir als Versteck diente, beinahe erreicht. Noch drei unterdrückte Atemzüge und er wäre an mir vorübergezogen.

  Mit einem Schritt verließ ich meine Deckung und stellte mich dem Eindringling entgegen, die Laterne mit zittriger Hand vor mich haltend. Er hielt abrupt inne. Die im Luftzug flackernde Flamme meiner Laterne enthüllte ein weißes Gesicht, umrahmt von langen, korallenroten Haaren, die bis hinunter auf die schwarzgekleideten Schultern flossen. Grünblaue Augen blickten mich an, im einen Moment erschrocken, im nächsten amüsiert.

  »Oh, guten Abend, mein Freund. Wenn ich geahnt hätte, dass jemand zu Hause ist, hätte ich angeklopft«, sagte die Stimme eines jungen Mannes, nicht sonderlich tief und mit einem honigzarten Schmelz hinter dem spöttischen Tonfall. Sein Lächeln wirkte ansteckend, sodass meine Mundwinkel zuckten.

  Im letzten Augenblick erinnerte ich mich daran, dass ich ein Wächter war und er soeben durch ein Fenster in ein Gebäude eingedrungen, das ich bewachte. Ich öffnete den Mund, doch kein Ton kam heraus. Mir wurde heiß und gleichzeitig kalt.

  »Du willst mich gewiss fragen, wer ich bin und was ich hier verloren habe, nicht wahr?«, erkundigte er sich hilfsbereit. Er legte eine behandschuhte Hand auf die eigene Brust und deutete eine Verbeugung an. »Mein Name ist Sairen und was ich verloren habe, ist ein Buch, welches ich hier zu finden hoffe.«

  Er war um einiges kleiner als ich und zierlich gebaut. Ihm körperlich weit überlegen, hätte ich ihn mit bloßen Händen unschädlich machen können. Dieser möglicherweise nur eingebildete Vorteil half mir, meine Stimme wiederzufinden.

  »Was für ein Buch?«

  Unter anderem deshalb hatte ich den einsamen Beruf eines Wächters ergriffen. Anderen zu begegnen, gar mit ihnen zu sprechen, bereitete mir Schwierigkeiten. Ich besaß kein Talent für Gespräche, machte die unpassendsten Kommentare und ich stellte stets die falschen Fragen.

  Das Lächeln meines Gegenübers verblasste nicht, sondern erschien mir, im Gegenteil, noch strahlender.

  »Interessiert es dich wirklich?«

  Der Blick aus den grünblauen Augen durchstreifte mein Gesicht. Hitze stieg in mir empor und flutete meine Wangen. Zögerlich nickte ich.

  »Ich suche ein Buch, das einst meiner Mutter gehörte. Du verstehst sicherlich, dass es für mich von großer Bedeutung ist. Doch nicht nur das. Es ist wichtig für das Gleichgewicht der Welt und weit darüber hinaus.«

  Ich runzelte die Stirn. Welches Buch mochte von solcher Wichtigkeit für die gesamte Welt sein?

  Bevor ich die Frage laut aussprechen konnte, trat der Fremde, Sairen, dichter an mich heran. Die Flamme meiner Laterne spiegelte sich in seinen Augen und brachte sein rotes Haar zum Leuchten.

  »Kannst du mir einen Gefallen tun, mein Freund?« Seine Stimme war zu einem Flüstern geworden. Sie umgarnte mich zärtlich wie ein Kätzchen, das sich schnurrend an meinen Körper schmiegte. »Du bist Wächter dieses Turms, nicht wahr? Kannst du wegschauen, nur dieses eine Mal? Ich werde das Buch holen und wieder verschwinden, als wäre ich nie hier gewesen. Ich lasse ein Buch zurück, das genauso aussieht. So wird niemand bemerken, dass etwas fehlt.« Er klopfte auf den schwarzen Leinenbeutel, den er über der Schulter trug.

  Ich konnte ihn nur weiter anstarren, während mein armer Verstand versuchte, seine Worte zu begreifen.

  »Was … was für ein Buch?«

  Er musste mich für ein bisschen langsam im Kopf halten, doch ließ sich nichts anmerken. Das Lächeln blieb.

  »Wie gesagt, es gehörte meiner Mutter. Es ist so etwas wie ein Tagebuch. Man könnte es auch als Grimoire bezeichnen.«

  »Ein Zauberbuch?«, entfuhr es mir und mein Ausruf ließ mich selbst zusammenzucken.

  »Schsch.«

  Sairen legte einen Finger auf meinen Mund. Der weiche Samt seines Handschuhs streichelte meine Lippen.

  »Ja, wenn du so willst. Wenn du mir sagst, wo ich es finde, bin ich schneller wieder fort, als du ›Zauberbuch‹ sagen kannst.«

  Ich schluckte und nickte langsam. Ohne ein weiteres Wort wandte ich mich um und ging voraus, die Treppe ins obere Turmzimmer hinauf, die ich vor wenigen Minuten erst hinabgestiegen war. Ich wagte nicht, mich umzuwenden und nachzusehen, ob Sairen mir folgte. Wenn er es tat, bewegte er sich vollkommen lautlos.

 

Was tat ich nur? Vor wenigen Wochen erst hatte man mich hierher versetzt. Und nun half ich einem Einbrecher dabei, ein Buch zu stehlen? Doch konnte ich von Stehlen sprechen, wenn dieses Buch seiner Mutter gehörte? Wie war es in den Turm gekommen? Hatte man es ihr weggenommen? In dem Fall holte der Sohn nur sein rechtmäßiges Eigentum zurück. Ausgerechnet ein Zauberbuch, eines der gefährlichsten verbotenen Bücher von allen.

  Während ich in Gedanken mit meinem Urteilsvermögen haderte, schloss Sairen leise zu mir auf.

  »Sag, stimmt es, dass es Bücher sind, die das immerwährende Feuer an der Spitze des Turms am Leben erhalten?«, fragte er flüsternd.

  In seinen Worten, obwohl mit ruhiger Stimme gesprochen, lag Furcht. Eine Furcht, die ich nur allzu gut verstehen konnte. Auch ich hatte dieses Gerücht gehört, bevor ich in den Turm der verbotenen Bücher versetzt worden war, der gleichzeitig mit seinem Feuer unter dem grünen Kupferdach Schiffen den Weg wies. Die Vorstellung, dass dort oben Bücher den Flammen zum Fraß vorgeworfen wurden, ließ mich auch jetzt wieder erschauern.

  »Nein, das … ist nur ein Gerücht. Das Feuer brennt ausschließlich mit Holz.«

  Sein erleichtertes Ausatmen streifte meine Wange und ich erschauerte ein zweites Mal.

  Wir erreichten das Ende der Wendeltreppe. Ich hielt inne.

  »Wie sieht das Buch aus?«

  Ich erhielt keine Antwort. Dann legte sich seine Hand sanft auf meinen Arm. Konzentriert ließ Sairen den Blick über die Regale schweifen.

  »Ich höre es schon.«

  Er ging voraus, ich folgte ihm, während sich ein Verdacht in mir formte. Denn auch ich hörte es. Das Wispern des meergrünen Buches hinter Glas. Es sprach zu mir, lockte mich, rief mich zu sich. Als Sairen vor der Vitrine stehen blieb, sah ich meinen Verdacht bestätigt.

  »Da ist es«, flüsterte er. »Mutters Zauberbuch. Das Grimoire der letzten Seehexe.«

  Eine kalte Welle der Erkenntnis rollte über mich hinweg. Selbstverständlich war dies das Buch einer Seehexe. Ihr Zauberbuch. Sein Flüstern perlte wie schaumige Brandung in meinem Inneren. Mein Herz erkannte seine Worte, obwohl es sie nicht verstand, denn waren wir nicht alle aus Wasser gemacht? Aus Wasser geboren? Nur durch Wasser am Leben?

  »All ihr Wissen, all ihre Macht, ihre ganze Magie steckt in diesem Buch.« Vorsichtig tasteten Sairens Hände über die Kanten der Glasvitrine. »Hast du einen Schlüssel oder muss ich sie aufbrechen?«

  Ehe ich den Kopf schütteln konnte, wurden auf der Treppe Schritte laut.

  »Schnell, versteck dich irgendwo.«

  Ich hatte kaum zu Ende gesprochen, da schlüpfte Sairen in die Schatten hinter der Vitrine.

  »Wo bleibst du denn? Treibst du dich wieder hier oben bei den Hokuspokus-Fibeln herum?«, rief Bruna, deren massige Gestalt im Treppenaufgang erschien. Das Licht ihrer Laterne offenbarte ihren verärgerten Gesichtsausdruck.

  »Hier bin ich. Bitte entschuldige.«

  Sie leuchtete mir direkt ins Gesicht, als müsste sie sichergehen, dass es sich wirklich um mich, ihren Wächterkollegen, handelte.      Hoffentlich hatte Sairen sich gut versteckt.

  »Was machst du da? Mal wieder stehenden Fußes eingeschlafen?«

  Bruna grinste breit. Sie ließ keine Gelegenheit aus, mich an den Grund meines Hierseins zu erinnern. Wie üblich ersparte ich mir eine Entgegnung. Schon viele Jahre hatte sie auf diesem Posten verbracht. Die Gefühle anderer interessierten sie nicht und das Schicksal dieser Bücher war ihr gleichgültig. Wahrscheinlich war sie nicht einmal des Lesens mächtig.

  »Nein, ich … wollte nur nachsehen, ob alles in Ordnung ist.«

  Ordnung ist Chaos, Chaos ist Magie.

  Ich blinzelte. Wer sprach da?

  »Unsinn, du hast gepennt. Kannst ja kaum die Augen offenhalten.«

  Augen auf und Augen zu, schließe sie und finde Ruh’.

  Sairen? Doch es war nicht seine Stimme, die durch meine Gedanken trieb.

  Bruna gestikulierte mit der freien Hand und schnippte mit den Fingern vor meinem Gesicht. »He, Schlafmütze. Hier spielt die Musik.«

  Sprich’s aus und lass das Chaos zu. Gib der müden Seele Ruh’.

  Es war das Buch. Es sprach zu mir. Doch dieses Mal verstand ich es. Aus dem tiefen Rauschen stiegen Worte wie Luftblasen an die Oberfläche meines Bewusstseins. Und sie forderten mich auf, ihrem Sinn zu folgen.

  »Wann … hast du denn das letzte Mal geschlafen?«

  Ich erschrak vor meiner eigenen Courage.

  Bruna schnaubte nur. »Geht dich gar nichts an. Ich schlafe sowieso mit offenen Augen. Mir entgeht nichts. Und jetzt schaff deinen fetten Wanst die Treppe runter, bevor ich …«

  Sprich’s aus. Lass meine Worte fließen. Bette dein Haupt, wo Traumblumen sprießen. Unter des silbernen Mondes Schein, …

  »… lass Schlaf dir Salbe und Heilung sein. Erlaube der Tiefe, dich sanft zu wiegen, als seiest du nie dem Wasser entstiegen. Augen auf und Augen zu. Schlaf ein, schlaf tief, schenk deiner Seele Ruh’

  Ein Schleier legte sich über Brunas Blick. Ihre sonst fiebrig glänzenden Augen wurden stumpf und ihre Lider schwer. Sie sagte nichts mehr. Schlafwandlerisch wandte sie sich um und fand den Weg zurück zur Treppe, die sie schwankend mit hängenden Schultern hinab schritt.

  Die Stimme in mir verstummte. Ich schluckte und blickte zum Buch, das bewegungslos in seinem Glasgefängnis ausharrte.

  Was war geschehen?

  Die gewisperten Worte des Buches in meinem Kopf, zuvor fremd und unverständlich, hatten mit einem Mal Sinn ergeben. Sie auszusprechen war mir folgerichtig erschienen, geradezu unumgänglich. Doch was hatte ich getan, indem ich dem Buch meine Stimme lieh?

  Ein flinker Schatten glitt hinter einem Regal hervor und Sairen erschien neben mir. Wie er von der Vitrine aus ungesehen zum Regal gelangt war, blieb mir ein Rätsel.

  »Welch eine Darbietung«, raunte er. »Das Funkeln der Magie in deinen Augen. Der Zauber der Seelenruh’, nicht wahr?«

  Ich nickte und schüttelte sofort danach den Kopf.

  »Ich habe keine Ahnung. Da war nur diese Stimme. Ich habe mir eingebildet, das Buch spräche zu mir.«

  Wir beide betrachteten das Grimoire in der Vitrine.

  Sairen lachte auf, ein plätschernder Ton. »Das war ganz gewiss keine Einbildung.« Er trat näher und studierte mein Gesicht.

  Wie beim letzten Mal jagte sein grünblauer Blick einen Schauer über meine Haut und eine warme Woge durchlief meinen Körper.

  »Du bist dir keiner magischen Fähigkeiten bewusst.«

  Ich schüttelte erneut den Kopf, obwohl er keine Frage gestellt hatte. »Ich habe keine magischen … Also nicht, dass ich wüsste«, stotterte ich.

  Sairen lächelte mit einem nachdenklichen Ausdruck. Dann zuckte er mit den Schultern, hielt einen rostigen Schlüsselbund hoch und schüttelte ihn, dass es nur so durch den gesamten Turm rasselte. Brunas Schlüssel. Er musste sie ihr entwendet haben, als sie während ihres traumwandlerischen Rückzugs das Regal passiert hatte.

  Ich öffnete den Mund, schloss ihn jedoch sogleich wieder, während Sairen aus den zweiundvierzig Schlüsseln zielsicher den zur Vitrine passenden heraussuchte und aufschloss. Er hielt inne und nahm einen tiefen Atemzug. Andächtig und mit größter Vorsicht hob er das meergrüne Zauberbuch seiner Mutter aus dem gläsernen Kerker heraus. Als er mit einer Hand zärtlich über den Buchdeckel strich, seufzte etwas tief in meinem Inneren auf. Erleichterung breitete sich in mir aus.

  Endlich.

  Sairen zog aus seinem Beutel ein Buch hervor. Zumindest äußerlich unterschied es sich nicht im Geringsten vom Grimoire, das er soeben befreit hatte. Er platzierte die Replik anstelle des Zauberbuchs in der Vitrine und schloss diese wieder. Den Schlüsselbund reichte er mir.

  »Dir gelingt es sicherlich, ihn wieder dort zu platzieren, wo man ihn erwartet.«

 

Seite an Seite schlichen wir die Treppe hinunter. Auf der mittleren Etage hielt Sairen inne und musterte die nächste Treppe, als zöge er in Erwägung, den Turm durch die Eingangstür zu verlassen. Dann wandte er sich doch zum immer noch offenstehenden Fenster am Ende der Regalreihe. Ich folgte ihm.

  Der Vollmond stand nun nicht mehr in der Fensteröffnung, aber Sairen blieb so nah davor stehen, dass das silbrige Licht sein Gesicht erreichte und einen blassen Schein darüberlegte. Für einen Moment sah er aus wie aus Perlmutt gegossen, seine Augen zwei strahlende Aquamarine, die bis auf den Grund meiner Seele blickten. In seinen Armen lag das Zauberbuch, das Grimoire der letzten Seehexe.

  Es flüsterte mir zu. Innerhalb eines Wimpernschlags erzählte es mir Geschichten voller Magie. Seine Worte waren mehr Gefühle, mit dem Verstand nicht zu begreifen, doch mein Herz erkannte sie wieder.

  »Darf ich es halten, nur für einen Augenblick?«

  Wenn mein Ansinnen Sairen überraschte, so zeigte er es nicht. Er reichte mir das Buch. Als meine Finger es berührten, der Ledereinband warm und lebendig in meinen Händen, wurde sein Wispern in mir lauter. Und wieder lag darin der Eindruck von Dringlichkeit.

  Komm. Komm mit. Folge mir.

  Ich wollte das Grimoire aufschlagen und hineintauchen, mich zwischen den Seiten verlieren und von der Magie darin führen lassen wie ein verlorenes Schiff, das dem rettenden Schein eines Leuchtfeuers folgte.

  »Willst du nicht mitkommen? Wir könnten jemanden wie dich gebrauchen.«

  Ich blinzelte. »Wer ist ›wir‹?«

  »Wir, die nicht tatenlos zusehen. Wir, die die Magie nicht verlieren wollen. Wir, die widerstehen.«

  Meine Kehle wurde eng und die Worte blieben mir im Hals stecken. Ich schüttelte den Kopf. Der Widerstand. Ich hatte einem Widerständler zu einem Zauberbuch verholfen. Wie schwer wog dieses Vergehen im Vergleich dazu, als Wächter auf dem Posten einzuschlafen?

  Sairen nahm das Grimoire wieder an sich und verstaute es in seinem Beutel. Dann umfasste er meine Schultern. Sein im Mondlicht schimmernder Blick wurde mir zum Anker in der Düsternis, ein magisches Leuchtfeuer in einer trostlosen Welt. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und legte seine Lippen zart an meine Stirn.

  »Bis wir uns wiedersehen, mein Freund.«

  Damit kletterte er samt Grimoire aus dem Fenster und verließ meine Geschichte.

 

Bruna lag auf zwei Stühlen im Tiefschlaf, als ich den Wächterraum erreichte. Der Zauber der Seelenruh’. Wie viele Stunden mochte sie nun schlafen? Unschlüssig stand ich in der Mitte des Zimmers und kämpfte das Gefühl nieder, soeben die Chance meines Lebens verpasst zu haben.

  Ich atmete schwer ein und aus und lief die Treppe wieder hinauf. Obwohl das meergrüne Grimoire nicht mehr da war, zog es mich zurück zwischen die Bücher. So schritt ich die Regale ab, Buch um Buch, und ließ meine Finger über ihre Rücken streichen. Eine Idee formte sich in mir, die sich mit jedem Schritt weiter in einen Entschluss verwandelte.

  Verbot hin oder her, ich würde sie lesen, all diese Bücher. Die nicht-magischen wie die magischen, Nacht für Nacht, bis ich sie alle durchgelesen hatte. Ein Akt der Rebellion, meine Art des Widerstands. Denn ihr Inhalt war viel zu wichtig, um ungelesen zu vergehen. Für die Welt und weit darüber hinaus. Die Magie zwischen den Seiten durfte nicht verloren gehen.

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​© 2026 Harlow Alexander

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Nebelhexer

Nebelhexer

»Herzlichen Glückwunsch zum einunddreißigsten Geburtstag, mijito«, rief Mum durchs Telefon, kaum dass Antonio den Anruf angenommen hatte. Sie klang gleichermaßen fröhlich wie bekümmert. 
  »Danke, Mum.« Er zog den Helm aus dem Schrank und schaltete die Lampe an. Sie funktionierte nicht mehr. »Schön, dass du anrufst.«
  Sie lachte auf. »Natürlich melde ich mich an deinem Geburtstag. Dad wünscht dir natürlich auch alles Gute.«
  Antonio presste die Lippen aufeinander und brummte. Er stellte das Smartphone auf Lautsprecher und legte es auf der Kommode ab, während er mit der anderen Hand in der Schublade nach Batterien suchte. 
  »Schade, dass du heute nicht zu Hause sein kannst. Wir könnten gemeinsam feiern, mit deinem geliebten Olallieberry Pie. Und Dad gibt dir ein Ständchen auf der Gitarre.«
  Er verdrehte die Augen. Gut, dass sie nicht per Video telefonierten. Er fand die Batterien, aber sie rutschten ihm aus der Hand und fielen mit lautem Getöse auf die Steinfliesen. Das ausgiebige Fluchen konnte er sich gerade noch verkneifen.
  »Dad geht es nicht so gut«, fuhr seine Mutter fort, während er die Batterien unter der Kommode hervorfischte. »Das Rheuma ist schlimmer geworden. Und ich bilde mir ein, dass er von Tag zu Tag schusseliger wird.«
  Antonio seufzte. Sie würde das Gespräch immer wieder auf Dad lenken. »Mum, mit vierundsiebzig springt niemand mehr durch die Gegend wie ein junger Delfin. Und seltsam war der alte Kauz schon immer.«
  Sie kicherte, obwohl ihr klar sein musste, dass es nicht als Scherz gemeint war. Dinge verdrängen konnte sie schon immer gut.
  »Wann kommst du uns denn mal wieder besuchen, hm? Ich finde es mittlerweile recht mühsam in meinem Alter, allein zu dir ans andere Ende der Welt zu fahren.«
  »Nova Scotia ist nicht das andere Ende der Welt. Zumindest nicht von Kalifornien aus.« Neben den Batterien kam auch ein stumpfes Tauchermesser unter der Kommode zum Vorschein. »Ich bin jobmäßig gerade voll eingespannt«, log er. »Aber ich werd sehen, was sich machen lässt.« 
  Bestimmt wusste sie längst, dass er sie nur vertröstete. Das schlechte Gewissen biss ihm in den Nacken. Er schüttelte den Kopf, nahm das Smartphone wieder in die Hand und klemmte sich die Kiste mit der Ausrüstung unter den Arm.
  »Ich muss Schluss machen, Mum.« Die Sonne blendete ihn, als er vor die Haustür trat. »Hab ’nen wirklich lohnenden Auftrag reinbekommen und muss heute noch rüber nach Cape Breton.« Er hievte die Kiste auf den Rücksitz. Ein Blick auf die Armbanduhr verriet, dass er sich sputen musste. Nathan hasste es, wenn er zu spät kam, und sie hatten gute fünf Stunden Autofahrt vor sich.
  »Oh, dann will ich dich nicht aufhalten. Aber pass auf dich auf, mijito. Mir ist gar nicht wohl dabei, wenn du meilentief unter der Wasseroberfläche zwischen irgendwelchen Wracks herumtauchst. Noch dazu in diesen kalten, gefährlichen Gewässern da oben.«
  »Keine Sorge, ich weiß doch, was ich tue. Bisher ist noch nie was passiert. Und ich mach den Job ja nicht erst seit gestern.« Die Sonnenbrille fand ihren Weg auf seine Nase und er seinen hinters Steuer seines Jeeps.
  »Na gut. Trotzdem viel Glück. Auch von Dad.«
  »Bis denn, Mum.«
  Er schmiss das Smartphone auf den Beifahrersitz und atmete tief durch. Ihre Telefonate waren seltener geworden. Dabei sprach er eigentlich gern mit ihr. Wenn sie nur nicht ständig von Dad anfangen würde. Jede Erwähnung seines Vaters schickte eine heiße Welle der Wut durch Antonios Körper.
  Es ging Dad also angeblich schlechter. Jede Wette, dass sie übertrieb, um ihn dazu zu bringen, nach Hause zu kommen. Andererseits hatte Dads Rheuma ihm schon vor fünf Jahren das Leben schwer gemacht. Damals hatte er es noch gut verstecken können. Aufs Motorrad war er da allerdings schon nicht mehr gestiegen – ein sicheres Zeichen, dass er nicht mehr er selbst war und seine Gesundheit sich auf dem absteigenden Ast befand.
  Antonio kratzte sich im Nacken, wo sein Gewissen ihn nicht in Ruhe ließ, fuhr sich mit der Hand über den Dreitagebart und schmiss den Motor an. Egal. Sein Partner wartete auf ihn und der neue Job auf sie beide. 

 

Er sah Nathan schon von Weitem am Straßenrand stehen. Dessen dunkelbraune Haut bildete einen starken Kontrast zu dem knallgelben T-Shirt.
  Antonio hielt direkt vor ihm und stieß die Beifahrertür auf, während Nathan seine Taucherausrüstung und Rucksack durch die hintere Tür auf die Rückbank schmiss und sich anschließend in den Beifahrersitz fallen ließ. Antonio konnte sein Handy gerade noch zur Seite nehmen.
  »Hey, Nate.«
  »Hey.« Nathan lehnte sich in seine Richtung, stutze und hielt abrupt inne. »Was soll denn das sein? Wieder die eingebildete Allergie gegen Rasierschaum?«
  Antonio grinste. »Krieg ich trotzdem einen Kuss?«
  Nathan seufzte. »Den Hundeblick hast du echt perfektioniert, Mann.« Er gab Antonio einen Kuss auf den Wangenknochen, wo seine Lippen keine Barthaare berühren mussten. »Sonst alles klar bei dir? Du wirkst

irgendwie ... erschlagen.«
  Während er den Wagen wieder zurück auf die Straße lenkte, zuckte Antonio mit den Schultern. »Nö, alles okay.«
  Er nutzte den Stopp an der roten Ampel für einen Blick in den Rückspiegel. Zugegeben, der Bart wirkte etwas ungepflegt und die dunkelbraunen Haare konnten mal wieder einen Schnitt vertragen. Sein Gesicht war um diese Jahreszeit immer weißer als im Sommer, was den Kontrast mit den dunklen Augen noch verstärkte.
  »Mum hat angerufen.«
  »Deine Mutter? Die hat sich doch ewig nicht mehr gemeldet. Wieso ...« Nathan stockte und griff Antonio am Oberschenkel. »Jesus, nein! Ich hab’s vergessen! Der siebzehnte April, dein Geburtstag.«
  Antonio lachte auf und tätschelte die Hand auf seinem Bein. »Kein Ding. Den vergisst du doch jedes Jahr. Mum würde sagen: Wenn dein Kopf nicht angewachsen wär.«
  Nathan küsste ihn erneut, dieses Mal auf die Schläfe, wofür er den Bügel der Sonnenbrille kurz nach oben schob. »Herzlichen Glückwunsch, Tony. Und geh mal wieder zum Frisör.«
  Sie lachten beide, während sie auf den Highway 107 abbogen, der sie in nördlicher Richtung aus Halifax hinausführte.
  »Soll ich dir noch ein Ständchen bringen? Vielleicht ein Liebeslied?«
  Antonio schnaufte. »Bleib mir bloß weg mit sowas.«
  »Keine Sorge, weiß ja, dass du dafür nicht der Typ bist«, bestätigte Nathan. »Und? Wie läuft’s zuhause?« 
  Erneut zog Antonio die Schultern hoch. »Wie immer.«
  »Aha, und darum bist du so down?«
  Antonio ächzte. »Dad gehts angeblich schlechter.«
  Nathan antwortete mit einem kurzen »Oh?« und wartete darauf, dass er weitersprach. 
  Er verspürte wenig Lust, über seinen alten Herren zu reden. Die meiste Zeit über war er froh, nicht über ihn nachdenken zu müssen. Es reichte, dass er sich immer wieder – besonders in Vollmondnächten – den Weg aus wirren Albträumen hinauskämpfte, um sich danach nassgeschwitzt und fix und fertig vorm Badezimmerspiegel in die eigenen Augen zu blicken und sich zu fragen, ob Dad vielleicht doch recht hatte. 
  Es ist deine Magie, die die Träume bringt. Akzeptiere sie endlich. Nimm sie an. Du bist ein Marlowe. Du kannst nicht für immer vor der Tatsache fliehen, dass du ein Hexer bist. Wie ich.
  Der Wagen kam der Leitplanke gefährlich nah und Antonio schreckte aus seinen Gedanken auf. 
  »Egal. Er ist ’n zäher Kerl. Wird schon nicht gleich morgen in die ewigen Jagdgründe eingehen. Mum will mich nur dazu zwingen, nach San Francisco zurückzukommen.«
  Nathan grunzte. »Wäre nach fünf Jahren ja auch mal wieder drin, was? Oder meinst du, er ist immer noch sauer?«
  Antonio schüttelte den Kopf. Dad war bestimmt nicht mehr wütend. Was Antonio von sich selbst nicht behaupten konnte. »Mal wieder drin? Was soll das denn jetzt heißen? Hast du dich mit Mum verschworen?«
  Nathan kicherte. »Na, ein Glück, dass ich zu meinen Leuten keinen Kontakt mehr habe, nachdem sie mich achtkantig rausgeschmissen haben. Aber das muss man deinen Eltern lassen: Sie hatten nie ein Problem damit, dass du nicht ganz hetero bist.«
  »Nicht ganz hetero.« Antonio schmunzelte. Er musste Nathan recht geben. Mum und Dad waren vieles, aber nicht intolerant. Es wäre auch ein kleines bisschen seltsam gewesen, den eigenen Sohn wegen seiner Bisexualität rauszuwerfen, ihm aber gleichzeitig einreden zu wollen, über magische Fähigkeiten zu verfügen. Und Letzteres mit solch einem Nachdruck zu verfolgen, dass es in Streit geendet war.
  Um das Gespräch auf angenehmere Dinge zu lenken, erwähnte er den bevorstehenden Tauchgang und sie beglückwünschten sich gegenseitig ausgiebig, diesen lukrativen Job an Land gezogen zu haben. Aufträge von wohlhabenden Privatpersonen brachten in der Regel das meiste Geld ein. Endlich, sechs Jahre nach der Gründung, hatte sich ihr kleines Wracktauch-Unternehmen so weit herumgesprochen, dass die Kunden von allein kamen. 
  Mit der Zeit gelang es Antonio, die Gedanken an seine Eltern abzuschütteln und sich auf den Job zu freuen. Morgen früh ging es für sie wieder los. Endlich wieder abtauchen, endlich wieder zwanzigtausend Meilen unter dem Meer Geheimnisse entdecken. Nun ja, eher dreißig Meter statt zwanzigtausend Meilen. Und bei dem Wrack, das sie untersuchen würden, handelte es sich sicherlich nicht um die Nautilus aus Antonios Lieblingsroman von Jules Verne.
  Je weiter sie sich von Halifax entfernten, desto dünner wurde der Verkehr. Auf beiden Seiten des Highways erstreckte sich dichter Wald. Nach einer Weile zogen hellgraue Wolken vor die Sonne und blieben knapp über den Baumwipfeln hängen. 
  »Was ist denn das für ’ne trübe Suppe da draußen?«, beschwerte sich Nathan, als die Aussicht so diesig geworden war, dass Antonio die Sonnenbrille abnehmen musste, um genug sehen zu können. 
  Er brummte zustimmend und kniff die Augen zusammen. Dort vorn blockierte irgendetwas die Sicht auf der schnurgeraden Straße wie eine weiße Mauer. Fast sah es so aus, als wäre die Welt an der Stelle zu Ende.
  »Ist das Nebel?«
  Antonio antwortete nicht. Woher sollte so plötzlich Nebel kommen? Eben noch hatte strahlender Sonnenschein geherrscht. Doch je näher sie kamen, desto mehr wirkte es, als wäre eine Wolke vom Himmel gefallen. 
  »Willst du da jetzt echt reinfahren?« 
  Nathan setzte sich nervös im Beifahrersitz auf und krallte sich in Antonios Oberschenkel, doch zu spät. Antonio legte den Fuß auf die Bremse, da hatte der Nebel sie bereits verschluckt. Auf einmal konnte er im Umkreis von fünf Metern um den Wagen herum nichts mehr erkennen. Er schaltete die Nebelscheinwerfer an, doch auch sie konnten die dichte Nebelbank, in die sie offensichtlich hineingeraten waren, nicht durchdringen.
  »Halt an, Mann.« Nathan hielt sich immer noch an seinem Oberschenkel fest. »Womöglich irren hier Elche oder Bären rum.«
  Antonio lachte auf, bremste jedoch erneut, sodass sie nur noch im Schritttempo fuhren. »In den fast zehn Jahren hier ist mir noch nie ein Elch oder Bär über den Weg gelaufen. Also mach dir mal nicht ins Hemd.«
  »Wie du meinst. Ist ja dein Wagen.« 
  Wenn er nervös war, wurde Nathan schnell biestig. Komischerweise half es Antonio dabei, selbst ruhig zu bleiben. Um seinen Freund zu beruhigen – und weil er nicht riskieren wollte, mit einem entgegenkommenden Wagen zu kollidieren – lenkte er den Jeep rechts ran und schaltete den Warnblinker ein. 
  »Krieg dich wieder ein, Nate. Wirklich ungewöhnlich ist Nebel um diese Jahreszeit nicht.«
  »Hm«, machte Nathan abfällig. »Das ist kein Nebel, das ist eine Zumutung. Mal ehrlich, Nebel schön und gut, aber so dicht? Das ist nicht normal.«
  Antonio machte den Motor aus und ließ das Fenster runter. 
  »Was soll das denn werden?«
  »Horch mal. Hörst du das?«
  Für die Dauer einiger Atemzüge lauschte Nathan, dann schüttelte er den Kopf.
  »Was soll da sein? Ich hör absolut gar nichts.«
  »Ich auch nicht.« Antonio zog die Brauen zusammen. »Es ist totenstill. Kein Motorengeräusch, kein Blätterrascheln, gar nichts.«
  Die Stille war tiefer als in einem Grab. Nicht dass Antonio jemals das zweifelhafte Vergnügen gehabt hatte, in einem Grab zu liegen, aber so mochte es sich in einer Holzkiste unter der Erde anhören. Wobei man dort vielleicht noch Tiere knabbern und Wurzeln knacken hörte. Dieser Nebel verschluckte alle Geräusche.
  Antonio biss die Zähne aufeinander. Er spürte Nathans Angst beinahe körperlich. Wenn er selbst nun auch noch Angst zeigte, würde sein Freund in Panik verfallen. Er öffnete die Tür und stieg aus.
  »Hey, bist du übergeschnappt?«
  »Halt die Luft an, ich muss pissen.« 
  Eine glatte Lüge, aber er hielt die angespannte Stimmung im Wagen nicht länger aus. Er ging ein paar Schritte, stieg über die Leitplanke und blickte zurück, um sich zu vergewissern, dass er das Auto durch den Nebel noch ausmachen konnte. Es war ähnlich schlecht erkennbar wie ein schattenhaftes Schiffswrack im Lichtschein einer Taucherlampe, außer dass am Meeresgrund Dunkelheit herrschte, während dieser Nebel weiß wie ein Leichentuch über der Welt lag. 
  Er wandte sich um. Die helle Undurchdringlichkeit umgab ihn von allen Seiten. Ein feuchter, leicht modriger Geruch lag in der Luft. Irgendwo vor ihm musste der Waldrand sein. Er machte ein paar weitere Schritte darauf zu und blieb abrupt stehen. Irgendetwas befand sich dort, einige Meter von ihm entfernt. Ein Schatten. Der Umriss eines ... Hundes?
  Er hielt den Atem an. Die Nebelschwaden drifteten wie von Geisterhand auseinander und gaben den Blick auf das Tier frei, das zwischen Antonio und dem Waldrand bewegungslos verharrte. 
  Kein Hund. Kein Wolf. Es war ein Kojote, nur viel größer, als diese Tiere normalerweise waren. Sein grau-beiges Fell verschmolz mit dem Nebel. Nein, der Nebel ging von ihm aus, kroch in dünnen Fäden aus dem Fell und verteilte sich rund um den Kojoten. 
  Für den Moment wie eingefroren starrte Antonio das Tier an, dessen Blick aus goldenen Augen ihn fixierte. Ein Feuer schien darin zu brennen, das einzige Warme in dem Meer aus kaltem Nebel, das sie umgab. 
  Antonio schluckte. Was jetzt? Kojoten griffen in der Regel nicht einfach so einen Menschen an, solange man nicht in Panik geriet und wegrannte. Die beste Taktik stellte wohl dar, dem Tier zu zeigen, wer hier die Hosen anhatte. Er machte sich so groß wie möglich und breitete die Arme aus.
  »Har!«, rief er mit tiefer Stimme, während er versuchte, seinen rasenden Herzschlag zu ignorieren.
  Der Kojote rührte sich nicht. Nur seine Flanken bewegten sich beim Atmen.
  Antonio schnaufte und unternahm einen zweiten Versuch, ihn mit lauten Rufen und Gestikulieren zum Weglaufen zu bewegen, doch der Kojote zeigte sich unbeeindruckt. 
  »Nate? Komm bitte mal her!« Zu zweit konnten sie sicher mehr ausrichten. »Nate? Schwing deinen Arsch hierher!«
  Der Jeep stand keine zwanzig Meter hinter ihm. Warum reagierte Nathan nicht? Etwas, das sich verdächtig nach Panik anfühlte, stieg in Antonio auf. Der feurige Blick des Kojoten auf seinem Gesicht schickte gleichzeitig Hitze und eine kalte Welle durch seinen Körper. Er rief erneut, doch Nathan kam nicht. Verdammt.
  In Zeitlupe sah er über die eigene Schulter. Hinter ihm ragte die weiße Nebelwand empor, die ihn und den riesigen Kojoten einschloss. Er blickte wieder nach vorn. Noch immer sah es so aus, als stieg der Nebel geradewegs aus dem Fell des Tieres auf. Es ließ Antonio nicht aus den Augen. 
  »Was willst du?«, raunte er. Hoffentlich bekam Nathan nicht mit, wie er versuchte, mit einem Kojoten zu kommunizieren. Er hätte sich totgelacht und ihn bis in alle Ewigkeit damit aufgezogen. »Na los, sag schon. Oder mach dich vom Acker.«
  Seine Worte bewegten etwas. Der Kojote machte einen Schritt auf ihn zu, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Er stand nun frontal vor ihm, nur etwa fünf Schritte trennten sie voneinander. Weißliche Nebelschlieren woben sich aus dem Fell und drifteten träge zur Seite. 
  Antonio.
  »Nate?« Erneut sah er sich um, doch weder Nathan noch der Jeep waren sichtbar. »Ich bin hier.«
  Antonio Marlowe.
  Es war nicht Nathans Stimme, die seinen Namen wisperte. Genaugenommen sprach gar keine klar auszumachende Stimme. Die Worte drangen von überall gleichzeitig an seine Ohren. Aus dem Nebel um ihn herum, aus der Richtung des Kojoten, in seinem eigenen Kopf.
  Antonio Marlowe ...
  Mehr als seinen Namen konnte er im Geflüster nicht ausmachen. Die Stimme trieb fadenscheinig wie Nebel um ihn herum. Der Kojote leckte sich mit rosafarbener Zunge über das Maul.
  Nebelgeborener. Der Kojote. Hüter des Gleichgewichts.
  Sein Atem stockte. Er bildete es sich nur ein. Der Nebel und seine eigene Nervosität hielten ihn zum Narren.
  Antonio Marlowe. Der Kojote. Hüter des Gleichgewichts.
  Kehre heim.
  Antonio lachte auf. Was passierte hier? Ein Nervenzusammenbruch? Eine Nahtoderfahrung? War er mit dem Jeep irgendwo gegengefahren und sein Leben hing am seidenen Faden? 
  Kehre heim, Antonio Marlowe.
  Die Augen des Kojoten glommen heller. Das Feuer darin flackerte. Das Aroma von Asche und Flammen mischte sich unter den feuchten Geruch des Nebels. 
  Kojote. Hüter des Gleichgewichts. Nebelgeborener.
  Antonio schüttelte den Kopf. Er war eingeschlafen. Das musste es sein. Er war eingeschlafen und das hier war bloß wieder einer dieser verrückten Albträume, die ihn ständig heimsuchten. 
  »Ach, lass mich doch in Ruhe mit dem Mist.«
  Er drehte sich um und tauchte in den Nebel ein. Er blickte nicht zurück. Der Weg zum Auto war lang, viel länger, als er sein sollte. Ein weiteres Indiz dafür, dass er sich in einem Traum befand, einem außergewöhnlich realistischen, in dem er alles um sich herum wahrnahm, als wäre er wach. Als er den Jeep endlich erreichte und die Fahrertür öffnete, begegnete ihm Nathans vorwurfsvoller Blick.
  »Na endlich, wieso hat das so lange gedauert, Mann? Hast du noch ’n großes Geschäft erledigt, oder was?«
  Antonio blinzelte. Gehörte das auch noch zum Traum? Er sank in den Autositz und starrte geradeaus durch die Windschutzscheibe. 
  »Was ist denn jetzt los?«, kam es von Nathan. »Wo ist denn der Nebel hin?«
  Tatsächlich hatte sich die weiße Masse fast vollständig aufgelöst. Nur noch ein paar blasse Schwaden schwebten über dem Boden jenseits der Leitplanke. Nichts behinderte den Blick auf den Waldrand und natürlich war weit und breit kein Kojote zu sehen.
  Antonio atmete aus und schüttelte den Kopf. Auch wenn er nicht bewusst eingeschlafen und aufgewacht war; es musste ein Traum gewesen sein. Dads Worte waberten durch seine Gedanken.
  Es ist deine Magie. Sie will raus. Du kannst sie nicht für immer einsperren.
  Er seufzte und startete den Motor.
  »Lass uns heimkehren.«
  Nathan lachte auf. »Heimkehren? Auf welchem Tripp bist du denn gerade?«
  »Ich meinte weiterfahren«, schnaubte Antonio, während er den Jeep zurück auf die Straße lenkte.
  »Schon gut, Mann.« Nathan legte seine Hand auf Antonios Oberschenkel und tatsächlich beruhigte ihn der Körperkontakt.
  Es musste an Mums Anruf liegen. Dieser hatte ihn mehr aus der Bahn geworfen, als er sich selbst eingestehen wollte. Vielleicht war es sein schlechtes Gewissen ihr gegenüber, das ihn nun ebenfalls dazu zwingen wollte, nach San Francisco zurückzukehren. Das musste es sein. Es war nur logisch, auf jeden Fall logischer als irgendwelche unterdrückte Magie, die angeblich in ihm schlummerte.

​

Fortsetzung folgt.​​

​

​© 2026 Harlow Alexander

Hi, ich bin Harlow,

Autorin magischer Bücher mit queeren Figuren zum Träumen, Fühlen und Nachdenken

 

Willkommen auf meiner Hexeninsel, wo die Grenzen zwischen den Welten durchlässig sind.

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Fantasy-Autorin fueled by Chai Latte und dem dringenden Bedürfnis, die Bilder aus ihrem Kopf in Worte zu fassen.

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