

Leseprobe
Hier findest du eine Kostprobe meiner magischen Geschichten in Form einer Kurzgeschichte. Viel Spaß beim Lesen. Und wenn sie dir gefällt, freue ich mich über eine Nachricht.
* Psst, wenn du ein paar interessante Hintergrund-Infos zur Geschichte erfahren möchtest, trage dich gern für die WyldeWorte Flaschenpost ein.
Das Grimoire der letzten Seehexe
Draußen schlug die Brandung auf die Klippen ein. Der Turm stand hoch über dem Meer, doch Gestein und Wind trugen die tiefe Stimme der Wellen zu mir herauf, ihr Donnern ein wummernder Rhythmus unter meinem Herzschlag.
Auch heute schritt ich bei meinem allabendlichen Rundgang die Bücherregale ab, Reihe um Reihe, und betrachtete im Licht der Laterne all die Bücher, die man hierher gebracht hatte, um zu sterben.
Die Titel auf den ledernen Buchrücken tanzten vor meinen Augen und luden mich ein, sie bei der Hand zu nehmen und in ihren Geschichten zu Gast zu sein, solange ich wollte. Aber ich durfte diese Bücher nicht lesen, nicht einmal berühren. Ich durfte sie nicht aufschlagen, um ihren Duft nach Erkenntnis und Selbstvergessenheit einzuatmen. All diese Bücher befanden sich aus einem einzigen Grund hier im Turm: Um auf keinen Fall gelesen zu werden. Sie waren hierher gebracht worden, um lautlos zu vergehen. Und die Magie zwischen ihren Seiten mit ihnen.
Meine Versetzung in den Turm der verbotenen Bücher sollte eine Strafe sein und das war sie auch. Eine Folter. Weil ich auf meinem letzten Posten eingeschlafen war oder vielmehr, weil man mich aufgrund meines Bauchumfangs nicht für fähig hielt, einen Palast zu bewachen, hatte man mich dazu verdammt, diesen Büchern beim Zerfallen zuzusehen. Und jede Nacht starb etwas in mir mit ihnen.
Ich durfte nicht lange verweilen. Bruna wartete unten auf mich. Aber das Beste hatte ich mir wie immer bis zum Schluss aufgehoben. Ich erklomm die steile, steinerne Wendeltreppe ins oberste Turmgeschoss, wo die gefährlichsten Bücher von allen dahinsiechten; die magischen Bücher. Zauberbücher. Bücher, in denen wahrhaftig Magie verborgen lag. Wie jedes Mal blieb ich vor der großen Glasvitrine mit dem meergrünen Ledereinband stehen, atmete erleichtert aus und versank in der Betrachtung.
Um was für ein Buch es sich wohl handelte? Es hatte keinen Titel und es gab kein Schild an der Vitrine, das mir verraten hätte, welchem Buch ich derart verfallen war. Fest stand nur, dass seine Magie mich gefangen genommen hatte. Doch wann immer ich hier stand und es durch das Glas zwischen uns betrachtete, fühlte es sich nicht wie Gefangenschaft an, sondern wie eine Befreiung.
Das hinter Glas eingekerkerte Buch sprach zu mir. Auch jetzt, da ich mich wieder vor der Vitrine eingefunden hatte, wisperte es mir zu. Was es sagte, verstand ich nicht, doch die unbekannten Worte, die durch mein Bewusstsein flossen, gaben mir Kraft und Trost. Sie wirkten wie ein Wiegenlied in einer fremden Sprache, wie das mächtige Rauschen der Wellen am Fuße des Turms, unendlich, gefährlich, tröstlich. Ich erlaubte mir einen Augenblick des Versinkens, ehe ich mich umwandte und mich auf den Weg zurück nach unten machte.
Gerade hatte ich die mittlere Etage durchquert und meinen Fuß auf die oberste Stufe der nächsten Treppe gesetzt, da drang ein Schaben und Kratzen an meine Ohren. Es kam von dem winzigen Fenster am Ende einer langen Regalreihe, das offen stand. Der Vollmond schien silbrig aus seinem dunklen Himmelsbett herein und ich hielt den Atem an. Die Fenster des Turms besaßen Scheiben aus buntem Mosaikglas, das bei Tageslicht vielfarbige Bilder auf die alten Holzböden warf und vom trübsinnigen Anblick der dahinsiechenden Bücher abzulenken versuchte. Noch niemals hatte ich eines dieser Fenster geöffnet gesehen. Bis jetzt.
Das schabende Geräusch wurde lauter. Ohne nachzudenken, schirmte ich die Flamme der Laterne mit meinem Umhang ab und huschte hinter das vorderste Bücherregal, lugte jedoch daran vorbei zum Fenster. Ehe ich mir ausmalen konnte, welches Ungeheuer sich wohl dort an der Außenwand des Turms zu schaffen machte, schob sich ein Schatten vor den Vollmond. Für einen kurzen Augenblick füllte ein massiver Körper die Fensteröffnung zur Gänze aus. Er wand sich hindurch und zwei Füße kamen mit einem leisen Tappen auf den Bodendielen auf. Die menschlich anmutende Gestalt, die soeben in den Turm eingedrungen war, richtete sich auf, ein schwarzer Umriss gegen das hereinfließende Mondlicht.
Ich schluckte und wagte nicht, zu blinzeln. Ein Einbrecher? Wie war es ihm gelungen, das Fenster von außen zu öffnen? Wie konnte es sein, dass ein ganzer Mensch durch die winzige Öffnung passte? Was sollte ich tun?
Die dunkle Gestalt drehte den Kopf. Dann bewegte sie sich lautlos vorwärts, ihre Schritte fließend, als berührten die Füße den Boden nicht. Sie kam auf mich zu.
Ich sollte Alarm schlagen. Mein wild pochendes Herz rief mir zu, mich versteckt zu halten, bis der Eindringling vorbeigeschlichen war. Ich würde Bruna zu Hilfe holen und ihn gemeinsam mit ihr stellen. Doch da war noch eine andere Stimme. Leiser, flüsternd, aus den Tiefen meines Selbst aufsteigend, fremd und doch vertraut. Die Stimme des meergrünen Zauberbuchs wisperte in mir und sagte etwas anderes als meine Angst.
Der Schatten hatte das Regal, das mir als Versteck diente, beinahe erreicht. Noch drei unterdrückte Atemzüge und er wäre an mir vorübergezogen.
Mit einem Schritt verließ ich meine Deckung und stellte mich dem Eindringling entgegen, die Laterne mit zittriger Hand vor mich haltend. Er hielt abrupt inne. Die im Luftzug flackernde Flamme meiner Laterne enthüllte ein weißes Gesicht, umrahmt von langen, korallenroten Haaren, die bis hinunter auf die schwarzgekleideten Schultern flossen. Grünblaue Augen blickten mich an, im einen Moment erschrocken, im nächsten amüsiert.
»Oh, guten Abend, mein Freund. Wenn ich geahnt hätte, dass jemand zu Hause ist, hätte ich angeklopft«, sagte die Stimme eines jungen Mannes, nicht sonderlich tief und mit einem honigzarten Schmelz hinter dem spöttischen Tonfall. Sein Lächeln wirkte ansteckend, sodass meine Mundwinkel zuckten.
Im letzten Augenblick erinnerte ich mich daran, dass ich ein Wächter war und er soeben durch ein Fenster in ein Gebäude eingedrungen, das ich bewachte. Ich öffnete den Mund, doch kein Ton kam heraus. Mir wurde heiß und gleichzeitig kalt.
»Du willst mich gewiss fragen, wer ich bin und was ich hier verloren habe, nicht wahr?«, erkundigte er sich hilfsbereit. Er legte eine behandschuhte Hand auf die eigene Brust und deutete eine Verbeugung an. »Mein Name ist Sairen und was ich verloren habe, ist ein Buch, welches ich hier zu finden hoffe.«
Er war um einiges kleiner als ich und zierlich gebaut. Ihm körperlich weit überlegen, hätte ich ihn mit bloßen Händen unschädlich machen können. Dieser möglicherweise nur eingebildete Vorteil half mir, meine Stimme wiederzufinden.
»Was für ein Buch?«
Unter anderem deshalb hatte ich den einsamen Beruf eines Wächters ergriffen. Anderen zu begegnen, gar mit ihnen zu sprechen, bereitete mir Schwierigkeiten. Ich besaß kein Talent für Gespräche, machte die unpassendsten Kommentare und ich stellte stets die falschen Fragen.
Das Lächeln meines Gegenübers verblasste nicht, sondern erschien mir, im Gegenteil, noch strahlender.
»Interessiert es dich wirklich?«
Der Blick aus den grünblauen Augen durchstreifte mein Gesicht. Hitze stieg in mir empor und flutete meine Wangen. Zögerlich nickte ich.
»Ich suche ein Buch, das einst meiner Mutter gehörte. Du verstehst sicherlich, dass es für mich von großer Bedeutung ist. Doch nicht nur das. Es ist wichtig für das Gleichgewicht der Welt und weit darüber hinaus.«
Ich runzelte die Stirn. Welches Buch mochte von solcher Wichtigkeit für die gesamte Welt sein?
Bevor ich die Frage laut aussprechen konnte, trat der Fremde, Sairen, dichter an mich heran. Die Flamme meiner Laterne spiegelte sich in seinen Augen und brachte sein rotes Haar zum Leuchten.
»Kannst du mir einen Gefallen tun, mein Freund?« Seine Stimme war zu einem Flüstern geworden. Sie umgarnte mich zärtlich wie ein Kätzchen, das sich schnurrend an meinen Körper schmiegte. »Du bist Wächter dieses Turms, nicht wahr? Kannst du wegschauen, nur dieses eine Mal? Ich werde das Buch holen und wieder verschwinden, als wäre ich nie hier gewesen. Ich lasse ein Buch zurück, das genauso aussieht. So wird niemand bemerken, dass etwas fehlt.« Er klopfte auf den schwarzen Leinenbeutel, den er über der Schulter trug.
Ich konnte ihn nur weiter anstarren, während mein armer Verstand versuchte, seine Worte zu begreifen.
»Was … was für ein Buch?«
Er musste mich für ein bisschen langsam im Kopf halten, doch ließ sich nichts anmerken. Das Lächeln blieb.
»Wie gesagt, es gehörte meiner Mutter. Es ist so etwas wie ein Tagebuch. Man könnte es auch als Grimoire bezeichnen.«
»Ein Zauberbuch?«, entfuhr es mir und mein Ausruf ließ mich selbst zusammenzucken.
»Schsch.«
Sairen legte einen Finger auf meinen Mund. Der weiche Samt seines Handschuhs streichelte meine Lippen.
»Ja, wenn du so willst. Wenn du mir sagst, wo ich es finde, bin ich schneller wieder fort, als du ›Zauberbuch‹ sagen kannst.«
Ich schluckte und nickte langsam. Ohne ein weiteres Wort wandte ich mich um und ging voraus, die Treppe ins obere Turmzimmer hinauf, die ich vor wenigen Minuten erst hinabgestiegen war. Ich wagte nicht, mich umzuwenden und nachzusehen, ob Sairen mir folgte. Wenn er es tat, bewegte er sich vollkommen lautlos.
Was tat ich nur? Vor wenigen Wochen erst hatte man mich hierher versetzt. Und nun half ich einem Einbrecher dabei, ein Buch zu stehlen? Doch konnte ich von Stehlen sprechen, wenn dieses Buch seiner Mutter gehörte? Wie war es in den Turm gekommen? Hatte man es ihr weggenommen? In dem Fall holte der Sohn nur sein rechtmäßiges Eigentum zurück. Ausgerechnet ein Zauberbuch, eines der gefährlichsten verbotenen Bücher von allen.
Während ich in Gedanken mit meinem Urteilsvermögen haderte, schloss Sairen leise zu mir auf.
»Sag, stimmt es, dass es Bücher sind, die das immerwährende Feuer an der Spitze des Turms am Leben erhalten?«, fragte er flüsternd.
In seinen Worten, obwohl mit ruhiger Stimme gesprochen, lag Furcht. Eine Furcht, die ich nur allzu gut verstehen konnte. Auch ich hatte dieses Gerücht gehört, bevor ich in den Turm der verbotenen Bücher versetzt worden war, der gleichzeitig mit seinem Feuer unter dem grünen Kupferdach Schiffen den Weg wies. Die Vorstellung, dass dort oben Bücher den Flammen zum Fraß vorgeworfen wurden, ließ mich auch jetzt wieder erschauern.
»Nein, das … ist nur ein Gerücht. Das Feuer brennt ausschließlich mit Holz.«
Sein erleichtertes Ausatmen streifte meine Wange und ich erschauerte ein zweites Mal.
Wir erreichten das Ende der Wendeltreppe. Ich hielt inne.
»Wie sieht das Buch aus?«
Ich erhielt keine Antwort. Dann legte sich seine Hand sanft auf meinen Arm. Konzentriert ließ Sairen den Blick über die Regale schweifen.
»Ich höre es schon.«
Er ging voraus, ich folgte ihm, während sich ein Verdacht in mir formte. Denn auch ich hörte es. Das Wispern des meergrünen Buches hinter Glas. Es sprach zu mir, lockte mich, rief mich zu sich. Als Sairen vor der Vitrine stehen blieb, sah ich meinen Verdacht bestätigt.
»Da ist es«, flüsterte er. »Mutters Zauberbuch. Das Grimoire der letzten Seehexe.«
Eine kalte Welle der Erkenntnis rollte über mich hinweg. Selbstverständlich war dies das Buch einer Seehexe. Ihr Zauberbuch. Sein Flüstern perlte wie schaumige Brandung in meinem Inneren. Mein Herz erkannte seine Worte, obwohl es sie nicht verstand, denn waren wir nicht alle aus Wasser gemacht? Aus Wasser geboren? Nur durch Wasser am Leben?
»All ihr Wissen, all ihre Macht, ihre ganze Magie steckt in diesem Buch.« Vorsichtig tasteten Sairens Hände über die Kanten der Glasvitrine. »Hast du einen Schlüssel oder muss ich sie aufbrechen?«
Ehe ich den Kopf schütteln konnte, wurden auf der Treppe Schritte laut.
»Schnell, versteck dich irgendwo.«
Ich hatte kaum zu Ende gesprochen, da schlüpfte Sairen in die Schatten hinter der Vitrine.
»Wo bleibst du denn? Treibst du dich wieder hier oben bei den Hokuspokus-Fibeln herum?«, rief Bruna, deren massige Gestalt im Treppenaufgang erschien. Das Licht ihrer Laterne offenbarte ihren verärgerten Gesichtsausdruck.
»Hier bin ich. Bitte entschuldige.«
Sie leuchtete mir direkt ins Gesicht, als müsste sie sichergehen, dass es sich wirklich um mich, ihren Wächterkollegen, handelte. Hoffentlich hatte Sairen sich gut versteckt.
»Was machst du da? Mal wieder stehenden Fußes eingeschlafen?«
Bruna grinste breit. Sie ließ keine Gelegenheit aus, mich an den Grund meines Hierseins zu erinnern. Wie üblich ersparte ich mir eine Entgegnung. Schon viele Jahre hatte sie auf diesem Posten verbracht. Die Gefühle anderer interessierten sie nicht und das Schicksal dieser Bücher war ihr gleichgültig. Wahrscheinlich war sie nicht einmal des Lesens mächtig.
»Nein, ich … wollte nur nachsehen, ob alles in Ordnung ist.«
Ordnung ist Chaos, Chaos ist Magie.
Ich blinzelte. Wer sprach da?
»Unsinn, du hast gepennt. Kannst ja kaum die Augen offenhalten.«
Augen auf und Augen zu, schließe sie und finde Ruh’.
Sairen? Doch es war nicht seine Stimme, die durch meine Gedanken trieb.
Bruna gestikulierte mit der freien Hand und schnippte mit den Fingern vor meinem Gesicht. »He, Schlafmütze. Hier spielt die Musik.«
Sprich’s aus und lass das Chaos zu. Gib der müden Seele Ruh’.
Es war das Buch. Es sprach zu mir. Doch dieses Mal verstand ich es. Aus dem tiefen Rauschen stiegen Worte wie Luftblasen an die Oberfläche meines Bewusstseins. Und sie forderten mich auf, ihrem Sinn zu folgen.
»Wann … hast du denn das letzte Mal geschlafen?«
Ich erschrak vor meiner eigenen Courage.
Bruna schnaubte nur. »Geht dich gar nichts an. Ich schlafe sowieso mit offenen Augen. Mir entgeht nichts. Und jetzt schaff deinen fetten Wanst die Treppe runter, bevor ich …«
Sprich’s aus. Lass meine Worte fließen. Bette dein Haupt, wo Traumblumen sprießen. Unter des silbernen Mondes Schein, …
»… lass Schlaf dir Salbe und Heilung sein. Erlaube der Tiefe, dich sanft zu wiegen, als seiest du nie dem Wasser entstiegen. Augen auf und Augen zu. Schlaf ein, schlaf tief, schenk deiner Seele Ruh’.«
Ein Schleier legte sich über Brunas Blick. Ihre sonst fiebrig glänzenden Augen wurden stumpf und ihre Lider schwer. Sie sagte nichts mehr. Schlafwandlerisch wandte sie sich um und fand den Weg zurück zur Treppe, die sie schwankend mit hängenden Schultern hinab schritt.
Die Stimme in mir verstummte. Ich schluckte und blickte zum Buch, das bewegungslos in seinem Glasgefängnis ausharrte.
Was war geschehen?
Die gewisperten Worte des Buches in meinem Kopf, zuvor fremd und unverständlich, hatten mit einem Mal Sinn ergeben. Sie auszusprechen war mir folgerichtig erschienen, geradezu unumgänglich. Doch was hatte ich getan, indem ich dem Buch meine Stimme lieh?
Ein flinker Schatten glitt hinter einem Regal hervor und Sairen erschien neben mir. Wie er von der Vitrine aus ungesehen zum Regal gelangt war, blieb mir ein Rätsel.
»Welch eine Darbietung«, raunte er. »Das Funkeln der Magie in deinen Augen. Der Zauber der Seelenruh’, nicht wahr?«
Ich nickte und schüttelte sofort danach den Kopf.
»Ich habe keine Ahnung. Da war nur diese Stimme. Ich habe mir eingebildet, das Buch spräche zu mir.«
Wir beide betrachteten das Grimoire in der Vitrine.
Sairen lachte auf, ein plätschernder Ton. »Das war ganz gewiss keine Einbildung.« Er trat näher und studierte mein Gesicht.
Wie beim letzten Mal jagte sein grünblauer Blick einen Schauer über meine Haut und eine warme Woge durchlief meinen Körper.
»Du bist dir keiner magischen Fähigkeiten bewusst.«
Ich schüttelte erneut den Kopf, obwohl er keine Frage gestellt hatte. »Ich habe keine magischen … Also nicht, dass ich wüsste«, stotterte ich.
Sairen lächelte mit einem nachdenklichen Ausdruck. Dann zuckte er mit den Schultern, hielt einen rostigen Schlüsselbund hoch und schüttelte ihn, dass es nur so durch den gesamten Turm rasselte. Brunas Schlüssel. Er musste sie ihr entwendet haben, als sie während ihres traumwandlerischen Rückzugs das Regal passiert hatte.
Ich öffnete den Mund, schloss ihn jedoch sogleich wieder, während Sairen aus den zweiundvierzig Schlüsseln zielsicher den zur Vitrine passenden heraussuchte und aufschloss. Er hielt inne und nahm einen tiefen Atemzug. Andächtig und mit größter Vorsicht hob er das meergrüne Zauberbuch seiner Mutter aus dem gläsernen Kerker heraus. Als er mit einer Hand zärtlich über den Buchdeckel strich, seufzte etwas tief in meinem Inneren auf. Erleichterung breitete sich in mir aus.
Endlich.
Sairen zog aus seinem Beutel ein Buch hervor. Zumindest äußerlich unterschied es sich nicht im Geringsten vom Grimoire, das er soeben befreit hatte. Er platzierte die Replik anstelle des Zauberbuchs in der Vitrine und schloss diese wieder. Den Schlüsselbund reichte er mir.
»Dir gelingt es sicherlich, ihn wieder dort zu platzieren, wo man ihn erwartet.«
Seite an Seite schlichen wir die Treppe hinunter. Auf der mittleren Etage hielt Sairen inne und musterte die nächste Treppe, als zöge er in Erwägung, den Turm durch die Eingangstür zu verlassen. Dann wandte er sich doch zum immer noch offenstehenden Fenster am Ende der Regalreihe. Ich folgte ihm.
Der Vollmond stand nun nicht mehr in der Fensteröffnung, aber Sairen blieb so nah davor stehen, dass das silbrige Licht sein Gesicht erreichte und einen blassen Schein darüberlegte. Für einen Moment sah er aus wie aus Perlmutt gegossen, seine Augen zwei strahlende Aquamarine, die bis auf den Grund meiner Seele blickten. In seinen Armen lag das Zauberbuch, das Grimoire der letzten Seehexe.
Es flüsterte mir zu. Innerhalb eines Wimpernschlags erzählte es mir Geschichten voller Magie. Seine Worte waren mehr Gefühle, mit dem Verstand nicht zu begreifen, doch mein Herz erkannte sie wieder.
»Darf ich es halten, nur für einen Augenblick?«
Wenn mein Ansinnen Sairen überraschte, so zeigte er es nicht. Er reichte mir das Buch. Als meine Finger es berührten, der Ledereinband warm und lebendig in meinen Händen, wurde sein Wispern in mir lauter. Und wieder lag darin der Eindruck von Dringlichkeit.
Komm. Komm mit. Folge mir.
Ich wollte das Grimoire aufschlagen und hineintauchen, mich zwischen den Seiten verlieren und von der Magie darin führen lassen wie ein verlorenes Schiff, das dem rettenden Schein eines Leuchtfeuers folgte.
»Willst du nicht mitkommen? Wir könnten jemanden wie dich gebrauchen.«
Ich blinzelte. »Wer ist ›wir‹?«
»Wir, die nicht tatenlos zusehen. Wir, die die Magie nicht verlieren wollen. Wir, die widerstehen.«
Meine Kehle wurde eng und die Worte blieben mir im Hals stecken. Ich schüttelte den Kopf. Der Widerstand. Ich hatte einem Widerständler zu einem Zauberbuch verholfen. Wie schwer wog dieses Vergehen im Vergleich dazu, als Wächter auf dem Posten einzuschlafen?
Sairen nahm das Grimoire wieder an sich und verstaute es in seinem Beutel. Dann umfasste er meine Schultern. Sein im Mondlicht schimmernder Blick wurde mir zum Anker in der Düsternis, ein magisches Leuchtfeuer in einer trostlosen Welt. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und legte seine Lippen zart an meine Stirn.
»Bis wir uns wiedersehen, mein Freund.«
Damit kletterte er samt Grimoire aus dem Fenster und verließ meine Geschichte.
Bruna lag auf zwei Stühlen im Tiefschlaf, als ich den Wächterraum erreichte. Der Zauber der Seelenruh’. Wie viele Stunden mochte sie nun schlafen? Unschlüssig stand ich in der Mitte des Zimmers und kämpfte das Gefühl nieder, soeben die Chance meines Lebens verpasst zu haben.
Ich atmete schwer ein und aus und lief die Treppe wieder hinauf. Obwohl das meergrüne Grimoire nicht mehr da war, zog es mich zurück zwischen die Bücher. So schritt ich die Regale ab, Buch um Buch, und ließ meine Finger über ihre Rücken streichen. Eine Idee formte sich in mir, die sich mit jedem Schritt weiter in einen Entschluss verwandelte.
Verbot hin oder her, ich würde sie lesen, all diese Bücher. Die nicht-magischen wie die magischen, Nacht für Nacht, bis ich sie alle durchgelesen hatte. Ein Akt der Rebellion, meine Art des Widerstands. Denn ihr Inhalt war viel zu wichtig, um ungelesen zu vergehen. Für die Welt und weit darüber hinaus. Die Magie zwischen den Seiten durfte nicht verloren gehen.
© 2026 Harlow Alexander


