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»Das ist doch nur was für Frauen« – Über die Abwertung 'gefühlvoller' Bücher

  • Autorenbild: Harlow
    Harlow
  • 3. Mai
  • 7 Min. Lesezeit

»Das ist für Mädchen.«

Schrillen bei dir auch die Alarmglocken, wenn dein Sohn diesen Satz aus der Kita mitbringt? Du kannst deinem Kind noch so viel Offenheit und Gleichberechtigung vorleben; sobald es in die Kita und Grundschule geht, hast du verloren. Plötzlich ist die rosa Mütze 'für Mädchen' und dein Sohn kann sie unter keinen Umständen anziehen. Die geliebte Puppe wird nicht mehr angefasst, denn die ist ja auch 'für Mädchen'. Pinke Legosteine? 'Für Mädchen.' Die Kinderserie mit weiblicher Hauptfigur? 'Für Mädchen.' Häkeln lernen? 'Für Mädchen.'


Kinder halt, denkst du jetzt und verdrehst innerlich die Augen, dass ich das überhaupt zum Thema mache. Vielleicht nickst du aber auch gerade und erkennst sofort, was ich mit diesem Einstieg sagen will. Wie auch immer, eigentlich geht es hier nicht um Kita-Kinder und rosa Mützen. Weil es in »Das ist für Mädchen« auch nicht darum geht, dass weiblich sozialisierte Kinder tendenziell mit anderen Spielsachen spielen als männlich sozialisierte und umgekehrt. 


Denn aus »Das ist für Mädchen« wird irgendwann »Das ist für Frauen« oder noch öfter »Das ist doch nur was für Frauen«. Ein Satz, der mehr aussagt, als seine wortwörtliche Bedeutung. Ein Satz, der abwertet. Über die Rolle dieses Satzes in der Buchbranche schreibe ich in diesem Beitrag.



Die Abwertung von Büchern für Frauen.


»Das ist für Mädchen«


Was ist damit wirklich gemeint? Oberflächlich betrachtet bedeutet es, dass etwas explizit für Mädchen als Zielgruppe gemacht wurde und es deshalb, im Umkehrschluss, nur von Mädchen benutzt werden kann oder sollte. Und während es durchaus angehen kann, dass etwas für die Zielgruppe Mädchen gemacht wurde, so ist schon der Umkehrschluss recht zweifelhaft. Denn nicht zur Zielgruppe für etwas zu gehören, heißt nicht, dass es nicht benutzt werden darf. Oder anders gesagt: Du darfst etwas konsumieren, obwohl du nichts zur Zielgruppe gehörst. Das weiß jede schreibende Person, die sich schon mal mit ihrer Zielgruppe beschäftigt hat. 


»Das ist für Mädchen« meint eigentlich »Das ist für Mädchen und darum ist es schlecht.« 

Ich höre deinen Einspruch bis hier. Aber ganz tief in dir weißt du, dass ich recht habe. Warum sonst sollte ein Junge eine rosa Mütze nicht aufsetzen wollen, nur, weil er nicht zur Zielgruppe gehört? Er will sie nicht aufsetzen, wenn sie »für Mädchen« ist, weil sie deswegen schlechter ist als andere Mützen.


Mit der erwachsenen Version »Das ist für Frauen« ist es genauso. »Das ist für Frauen, darum ist es schlecht und darum werde ich (als Mann) es nicht benutzen.« Angewandt auf die Buchbranche: »Dieses Buch/Genre ist für Frauen, darum ist es minderwertig und darum werde ich (als Mann) es nicht lesen.« Und das ist ein Problem, denn diese Abwertung einer ganzen Reihe von Büchern, ganzer Genres, bringt einen Rattenschwanz an anderen, schwerwiegenderen Problematiken mit sich.


Frauenliteratur?


Frauenliteratur. Kennst du den Begriff? Ich finde ihn gruselig. Frauenliteratur bezeichnet traditionell Literatur, die von Frauen für Frauen geschrieben ist und Themen wie Beziehungen, Familie, Gefühle und innere Entwicklung behandelt. Sie gilt als emotional, beziehungsorientiert, psychologisch tiefgreifend und intim


Der Begriff ist umstritten – zu recht, wie ich finde. 


  • Als Genrebezeichnung taugt er nicht, denn die Bücher, die dazugezählt werden, haben mitunter gar nichts gemeinsam. 

  • Die Themenvielfalt dieser Bücher wird stark eingegrenzt. Als ob z.B. Macht, Politik, Horror, Gesellschaftskritik keine Themen wären, die für Frauen interessant oder relevant sind.

  • Da es den Gegenbegriff Männerliteratur nicht gibt und Bücher von Männern einfach als Literatur gelten, sortiert die Bezeichnung Frauenliteratur die Werke von Frauen aus und schiebt sie in eine Sonderkategorie

  • Und am schlimmsten: Die Bezeichnung Frauenliteratur wertet ab. Die Bücher gelten als trivial, anspruchslos, nicht ernsthaft.


So gesehen ist es gut, dass dieser Begriff im Literaturbetrieb immer weniger gebräuchlich ist. Doch: Um bestimmte Arten von Büchern abzuwerten, braucht es diesen Begriff gar nicht mehr. An seine Stelle sind Genrebezeichnungen getreten, die genauso wirken wie der Begriff Frauenliteratur und ganze Buchgenres abwerten. 


Heutige 'Frauenliteratur' ist, allen voran, Romance mit sämtlichen Untergenres (Romantasy, Gay Romance, etc.). Aber auch Slice-of-Life-Geschichten, Cozy Genres wie Cozy Fantasy oder Cozy Crime und generell alle Geschichten, in denen es um "positive" Emotionen und menschliche Bindung geht. Ja, Dark Romance zählt ebenfalls dazu, denn auch sie behandelt Liebe, Beziehungen und Identität und ist psychologisch tiefgreifend.


An Romance, speziell an spicy Romance, sieht man besonders gut, wie mit zweierlei Maß gemessen wird: 


  • Sex in (von Frauen geschriebenen) Romance-Büchern? Bööööse. Soft-Porno! Nicht ernstzunehmen! Da wollen sich Leserinnen nur dran aufgeilen. (Übrigens auch ein gern benutzter Vorwurf an Gay Romance Leserinnen. Das Thema wäre glatt einen eigenen Blogbeitrag wert ...)

  • Sex in epischer (von Männern geschriebener) Dark Fantasy? Das ist Worldbuilding. Nur realistisch. Das war damals halt so. (Klar, wer erinnert sich nicht an damals, als Europa noch Westeros hieß. 🤡)





Romance – Die rosa Mütze der Buchwelt


Diese Genres sind die rosa Mützen der Buchwelt. Das sind die Bücher 'doch nur für Frauen'. Sprich: Diese Bücher sind keine ernstzunehmende Literatur. Warum? Na, es geht darin halt um Gefühle und so ‘n Zeug. In Romance geht es nur um Liebe und Sex, in Cozy Fantasy um Freundschaft, Zusammenhalt und wieder um Liebe. In Slice-of-Life-Geschichten passiert nichts außer Alltag. Nichts Ernsthaftes. Nichts Weltbewegendes. Nichts von Bedeutung.


Es geht um nichts von Bedeutung …

Außer um das Gefühl, ohne das wir alle den Verstand verlieren würden. Manche verlieren ihn gerade deswegen. Das Gefühl, für das die 'spannenden' Dinge in der Welt (und in Büchern) überhaupt stattfinden. Für das wir kämpfen, leben, sterben und manchmal unsere Seele verkaufen, um es zu fühlen. Es geht um Liebe. Es geht um Verbindung. Es geht ums Leben.


Aber klar, ist natürlich nicht so wichtig und weltbewegend wie epische Schlachten, politische Intrigen, Mord und Totschlag und Monster im Spülkasten. 


Mein Sarkasmus macht vielleicht schon deutlich: 

Wenn es nicht so problematisch wäre, würde ich darüber lachen, denn es ist bei näherer Betrachtung unheimlich albern. Mittlerweile kann ich auch nur noch milde lächeln, wenn jemand direkt oder implizit über ein Buch meint »Das ist doch nur was für Frauen«


Doch leider ist und bleibt es ein ernstes Problem, das dazu beiträgt, eine mehr oder weniger bestehende Kluft zwischen den Geschlechtern zu vertiefen. Und nicht nur das. Die Herabwürdigung der Bücher, die hauptsächlich von Frauen geschrieben und gelesen werden, hat ganz reale Auswirkungen auf Karriere, Einkommen und Rezeption von Autorinnen.



Der Mann als Standard – Folgen der Abwertung


Wir sehen es seit jeher in der Medizin: Der Mann und der männliche Körper sind der Standard. Bei der Entwicklung von Medikamenten und Behandlungsmethoden geht man von männlichen Patienten aus. Frauen müssen mit Nebenwirkungen (z.B. die der Pille) klarkommen, die Männern nicht zugemutet werden. Genauso ist es in der Literatur. Das Erleben eines Mannes ist der Default. Die Heldenreise, die nicht nur Fantasygeschichten als Grundlage dient, ist von Anfang bis Ende männlich codiert. Frauen, wenn sie denn überhaupt in nennenswerter Funktion vorkommen, sind oft 'das Andere', die Sonderanfertigung


Vorurteile wie »Frauen sind immer so emotional / hysterisch« passen ins Bild. Wenn eine Frau schreibt, und am besten (oder schlimmsten) noch über eine Frau, dann sind diese Inhalte nicht der Standard und darum nicht relevant. Und nicht wert, sich damit auseinanderzusetzen. Schließlich sind die großen Literaten, Deutschlands berühmte Dichter und Denker, alle Männer. Denn nur das männliche Leben und Erleben gilt als relevant, wertig und ernstzunehmen. 


Dann gewinnt eine Autorin einen prestigeträchtigsten Buchpreis und wer fühlt sich auf den Schlips getreten und hinterhältig übergangen? Ein Mann. Und wie viele Geschlechtsgenossen pflichten ihm in Artikel und Kolumnen mit den üblichen Argumenten bei, die alle darauf abzielen, eines zu beweisen: Diese Frau hat nichts zu sagen. Alles, was sie schreibt, ist vollkommen irrelevant, überemotional und ohne literarischen Anspruch


Frauen können nur Romance. Darum veröffentlichen Thriller-Autorinnen unter männlichem Pseudonym oder mit Initialen statt eindeutigem Vornamen. Die Angst davor, mit einem weiblichen Pseudonym in diesem Genre nicht ernst genommen zu werden, ist real. Schließlich ist ja auch High Fantasy von einem Mann eben High Fantasy, während ein gleicher Roman aus der Feder einer Frau in der Romantasy-Schublade landet, weil die Heldin weiblich ist und auf Seite 253 jemanden küsst.


Auf Leserinnenseite sehen wir dasselbe in grün. Erzählst du als Frau jemandem, dass Lesen dein liebstes Hobby ist, wird automatisch angenommen, dass du gern Romance liest. Wenn in deinem Regal dann nur Thriller oder Science-Fiction Romane stehen, ist die Verwunderung groß. Das Geschlecht deines Gegenübers ist dabei seltsamerweise egal, denn die Vorurteile sitzen so tief, dass auch Frauen sie verinnerlicht haben.


Vielleicht hast du auch schonmal davon gehört, dass ganze Berufszweige eine gewisse Abwertung erfahren, sobald der Frauenanteil in diesen Branchen steigt. Das gilt besonders für soziale Berufe wie Erzieher:in, Lehrer:in, Pfleger:in, etc., aber auch für unbezahlte Care-Arbeit. Das hängt damit zusammen, dass etwas, das vornehmlich von Frauen ausgeführt wird, automatisch als weniger wertvoll betrachtet wird. Meiner Meinung nach passiert genau dies auch im Buchmarkt, seitdem immer mehr Autorinnen (und Leserinnen) weiblich sind.





Der große Irrtum


Dieser schrittweise Wertverlust, sowohl bestimmter Berufe als auch Buchgenres, beruht auf einem einzigen großen Irrtum. Einem Irrglauben, wenn man es so nennen will. Nämlich dem, dass gefühlvolle Dinge bedeutungslos sind. Dass 'leise' Bücher ausschließlich harmlose Geschichten ohne Relevanz erzählen. Dass Liebe und Freundschaft, Beziehungen und Bindungen und innere Konflikte nicht relevant, nicht weltbewegend sind.


Und? Findest du diesen Gedanken, wenn du ihn so Schwarz auf Weiß (oder Creme) liest, nicht auch unglaublich lächerlich? Wie arm wäre die Menschheit, wenn wir all die genannten Dinge nicht hätten und sich niemals jemand mit ihnen auseinandersetzen würde? Was brächten Kriege, Explosionen und Heldentaten, wenn sie losgelöst von jeder menschlichen Bindung und Beziehung stattfänden?


Leise Genres erzählen keine harmlosen Geschichten. Sie erzählen von Liebe, Verlust, Heilung, Verantwortung, Identität und Beziehung. Von der Auseinandersetzung mit sich selbst, mit anderen und mit der Welt. Und das ist nicht nur was für Frauen. Genausowenig wie rosa Mützen nur was für Mädchen sind. Denn Farben sind für alle da. Gefühle auch. Und Bücher erst recht. Egal, wer sie geschrieben hat, egal, in welchem Genre und für welche Zielgruppe.



Du darfst Bücher für Frauen lesen


Hinter dem Impuls, andere abzuwerten, steckt meistens Angst. Die Angst davor, nicht mehr die Nummer eins zu sein, selbst weniger wert zu sein, nicht mehr relevant zu sein. Immer mehr Bücher werden von Frauen geschrieben. Immer mehr Lesende sind Frauen. Doch anstatt zu schauen, ob diese 'Bücher für Frauen' vielleicht auch für einen Mann interessant sein können, wird laut darüber lamentiert, dass es ja keine 'Bücher für Männer' mehr gäbe.


Während ich als Mädchen, das Fantasybücher liebte, fast ausschließlich von männlichen Protagonisten lesen musste (, die auch fast alle weiß, cis, hetero waren, aber das ist noch mal ein ganz anderes Thema) in Büchern von Männern mit männlicher Zielgruppe. Und schockierenderweise konnte ich mich trotzdem hineinversetzen und habe einige dieser Bücher absolut geliebt.


Vielleicht spricht aus Kritik und Abwertung auch nur der pure Neid. Vielleicht wünscht sich da jemand insgeheim, diese Bücher auch lesen zu dürfen, braucht aber aus welchen Gründen auch immer erst die Erlaubnis dazu. Also, wenn jemand deine aktuelle Lektüre mit »Frauenliteratur« oder »Das ist doch nur was für Mädchen« kommentiert, dann schick diese Person hierher, um sich die Erlaubnis abzuholen.


Oder auch nicht. Romance ist mit Abstand das verkaufsstärkste Genre weltweit. Romantasy und Cozy Fantasy boomen. Autorinnen bekommen immer mehr Anerkennung in Form von Fame und Auszeichnungen. Da kann uns auch egal sein, was irgendwer von den hintersten Rängen meckert, der sich nicht traut, rosa Mützen zu tragen und die wirklich relevanten Bücher zu lesen.



Auf Wiederlesen!

XOXO

Harlow 🖤







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Hi, ich bin Harlow,

Autorin magischer Bücher mit queeren Figuren zum Träumen, Fühlen und Nachdenken.

 

Willkommen auf meiner Hexeninsel, wo die Grenzen zwischen den Welten durchlässig sind.

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Fantasy-Autorin fueled by Chai Latte und dem dringenden Bedürfnis, die Bilder aus ihrem Kopf in Worte zu fassen.

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