Ist Aufgeben immer eine Niederlage? – Als ich das Schreiben aufgab
- Harlow

- 7. Apr.
- 7 Min. Lesezeit
Ich habe das Schreiben aufgegeben. Es ist noch gar nicht so lange her. Zwar habe ich wieder damit angefangen (obviously 😉), aber dass es überhaupt einmal so weit kommen würde, hätte ich nie gedacht, bevor ich damals die Entscheidung traf. Im Moment sehe ich sie überall: Schreibende, die aufgeben. Das Thema wird also leider sehr aktuell. Was bringt Autorinnen dazu, aufzugeben? Und ist es wirklich immer als Niederlage zu betrachten?

Schreiben ist ein Balanceakt
Wenn du den Traum hast, zu schreiben und eines Tages Bücher zu veröffentlichen, ist dein Weg ein Balanceakt zwischen Hoffnung und Enttäuschung, Siegen und Niederlagen. Und auch wenn du den Traum schon lebst, geht es gerade so weiter. Ich habe das von Anfang an in unterschiedlichster Form gespürt und habe an einem Punkt die Balance verloren.
Ich schreibe seit der dritten Klasse, aber weil Schreiben angeblich kein richtiger Beruf ist, blieb es jahrelang nur ein Hobby. Weißt du, als ich Abitur machte, war von Selfpublishing kaum die Rede. Wenn du ein Buch geschrieben hattest und es veröffentlichen wolltest, kamst du nicht daran vorbei, dein Manuskript an Verlage zu schicken. Sie entschieden, wer veröffentlicht wurde und wer nicht. Gatekeeping vom Feinsten. Das hat stark dazu beigetragen, dass ich meinem Schreib-Hobby immer weniger Priorität in meinem Leben einräumte. Denn wenn du keinen Weg siehst, dass die viele Arbeit, die in ein Manuskript fließt, in irgendeiner Weise von anderen gewürdigt wird (außer vielleicht von der eigenen Familie), dann leidet die Motivation.
Hinzu kam, dass andere Dinge wichtiger waren. Studium, Auslandssemester, zwischendurch schaute eine Depression vorbei, dann lernte ich meinen heutigen Mann kennen und der erste richtige Job standen an. Als unser erstes Kind zur Welt kam, war ich gerade 30 geworden und eine vollkommen neue Welt mit ihren Sonnen- und Schattenseiten eröffnete sich mir. Unser zweites Kind folgte drei Jahre später. Für mein Schreiben der Todesstoß.
Den Traum vom Schreiben aufgeben?
Wenn du ein Kind bekommst, gewinnst du unheimlich viel, aber du verlierst auch erst mal etwas enorm Wichtiges: Dich selbst. Wenn du Mutter bist, weißt du bestimmt, was ich meine. Da saß ich also, mit zwei Kindern, und musste meine Prioritäten neu sortieren. Ich kam nicht mehr zum Schreiben und machte mich selbst dafür fertig. Schließlich war es doch meine Leidenschaft und ich fühlte, dass ich es meinen Geschichten irgendwie schuldig war, sie zu schreiben. Diese Schuldgefühle erzeugten noch mehr Stress, sodass ich schließlich einen Schlussstrich ziehen musste. Und der war radikal.
Ich beschloss, das mit dem Schreiben sein zu lassen. Komplett. Es hatte keinen Platz mehr in meinem Leben, zog mir nur Energie ab, die ich ohnehin kaum hatte, und führte nirgendwohin. Also schrieb ich nicht weiter, legte alles in die (digitale) Schublade und rührte es zwei Jahre lang nicht an. Aber dann …
Nach Kind Nr. 3 hieß es vom Arbeitgeber: “Also mit drei Kindern wollen Sie sich doch sicherlich jetzt auf die Familie konzentrieren.” Sprich: “Wir brauchen dich nicht mehr.” Ich hätte vorher nie gedacht, dass mir das mal so passieren würde. Ich habe mich anderweitig beworben und nach zwei Monaten einen neuen Job angetreten. Aber ich hatte erkannt: Die Arbeit, die du in eine Festanstellung steckst, ist für andere, nicht für dich. Danken tut es dir am Ende niemand. Und dafür hatte ich meinen Traum vom Schreiben aufgegeben?
Die Niederlage zum Sieg machen
Das war im Sommer 2021. Im Herbst begann ich wieder zu schreiben. Im Dezember startete ich meinen Autorinnen-Account auf Instagram, der einige Monate später den Namen erhielt, den er auch heute noch hat: @harlowsstories. Ich schrieb wieder. Und dieses Mal hatte ich ein Ziel: Ein Buch schreiben, es veröffentlichen, Autorin sein. Mein Kindheitstraum, der über Jahre dahingesiecht und schließlich gestorben war, erstand wieder auf. Ich hatte die Niederlage, meinen Job zu verlieren, in einen Sieg umgewandelt.
Ein Jahr später unterschrieb ich meinen ersten Verlagsvertrag für meinen Debütroman. Ein riesiger Motivationsschub. Seitdem ist viel passiert. Einiges lief nicht so gut, anderes viel besser als erwartet. Der Vertrag existiert nicht mehr. Das Buch ist bis heute nicht erschienen. Weitere Niederlagen. Doch ich habe andere Verträge unterschreiben dürfen, andere Bücher geschrieben, unglaublich viele Menschen kennengelernt, die mich auf diesem Weg begleiten.
Ich habe gelernt, dass Türen sich manchmal schließen, aber sich auch immer wieder neue Türen öffnen. Ich bin mutiger und selbstbewusster geworden, was mein Schreiben betrifft. Und auch, wenn mein Debüt (Stand Frühjahr 2026) immer noch aussteht, weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Vieles, das auf diesem Weg passiert, sehe ich inzwischen nicht mehr als Niederlage, sondern als Chance. Und ich glaube, dass gerade wir Autorinnen von dieser Sichtweise profitieren.
Warum Autorinnen das Schreiben aufgeben
Vielleicht hast du es schon gemerkt, während du meine Geschichte gelesen hast: Meine Gründe, das Schreiben aufzugeben, waren keine weit hergeholten. Tatsächlich sind es immer wieder dieselben Gründe, die Schreibende dazu bringen, das Handtuch zu werfen. Einige der häufigsten:
Andere Dinge sind wichtiger.
Du brauchst zuerst einen richtigen Job. Die Kinder fordern deine ganze Aufmerksamkeit. Schreiben ist ja nur ein Hobby und wenn es gerade nicht in dein Leben passt, lässt du es eben bleiben. Ist ja nicht für immer. Und dann sind Jahre vergangen.
Zu hohe Erwartungen, die mit dem Schreiben verknüpft werden.
Du willst deinen Job aufgeben, Autorin sein und vom Schreiben leben. Dein Debüt soll ein Bestseller werden, damit du endlich Anerkennung findest. Du willst veröffentlichen, um endlich allen (und dir selbst) zu beweisen, dass dein Traum kein Hirngespinst ist. Und dann … passiert das alles nicht. Oder nicht schnell genug. Oder es ist doch anstrengender als gedacht. Also gibst du auf.
Ablehnungen, Kritik und Misserfolge
Du hast dein Manuskript schon so oft eingereicht, erntest aber nur Absagen. Dein letztes Buch bekommt mehrere Ein-Stern-Bewertungen. Du fährst eine großangelegte Marketing-Campagne, doch am Ende kaufen nur eine Handvoll Leute dein neues Buch. Du sagst dir, dass sowas nun mal dazugehört und verbuchst es unter “Dumm gelaufen, nächstest Mal klappt es besser”. Aber irgendwann glaubst du dir selbst nicht mehr.
Falsche Definition von Erfolg
Erfolgreiche Autorinnen haben mehrere Bestseller und tausende Follower, veröffentlichen mehrere Bücher im Jahr, gewinnen Literaturpreise, arbeiten mit großen Publikumsverlagen und leben allein vom Schreiben. Wenn du das alles nicht hast, bist du keine erfolgreiche Autorin und dann kannst du es ja auch genauso gut sein lassen.
Schreiben ist nicht deine Leidenschaft
Du liebst die Vorstellung, eines Tages ein Buch in den Händen zu halten, auf dem dein Name steht. Du willst es in die Kamera halten, Interviews geben, dein Autorinnenleben auf Social Media zeigen und in deinem Freundeskreis “Die Autorin” sein. Der Haken an der Sache: Dazu musst du erstmal ein Buch schreiben. Und überarbeiten. Feedback einholen. Noch mehr schreiben. Allein im stillen Kämmerlein, ohne Publikum, nur aus innerem Antrieb und aus Liebe zum Schreiben. Und du hasst alles daran. Also tust du es nicht.
Der Buchmarkt verändert sich
Du schreibst epische High Fantasy, aber alle wollen nur noch Romantasy. Du brauchst einen TikTok-Account, weil auf Bookstagram die Reichweite im Keller ist. Dein Verlag verlangt von dir mindestens fünf Bücher pro Jahr. Charakterkarten, Farbschnitt und spicy Pageoverlay müssen sein und KI-generiert ist’s günstiger. Überall geht es nur noch ums Geld und du kannst/magst so nicht mehr mitspielen.
Das große Aufgeben
All diese Gründe bringen immer wieder Schreibende dazu, das Schreiben an den Nagel zu hängen. Doch im Moment tritt einer davon schmerzhaft deutlich in den Vordergrund. Eingangs erwähnte ich es schon. Auf Instagram häufen sich aktuell die Beiträge von Autorinnen, die vom Buchmarkt schwer enttäuscht sind. Einige ändern die Richtung und schreiben in anderen Genres, andere denken ans Aufhören oder zumindest an eine Veröffentlichungspause. Man hat das Gefühl, eine Zeit des großen Aufgebens ist gekommen.
Autorinnen schmeißen das Handtuch angesichts eines Buchmarkts, der sich immer mehr dem Kapitalismus verschreibt. Höher, schneller, weiter, Hauptsache billig, zur Not geht’s Dank KI auch ganz ohne Menschen. Autorinnen reiben sich zwischen den Erwartungen der Verlage, der Lesenden und des Marketings auf, werden immer unsichtbarer, müssen immer mehr Maschinen sein, die ein Manuskript nach dem nächsten auswerfen. So manche hat diese Entwicklung schon das Wichtigste gekostet: Die Freude und die Erfüllung durch das Schreiben.
Jedes Mal, wenn ich so einen "Ich gebe auf"-Beitrag einer Autorin sehe, fühle ich mich schlecht. Weil ich so gut nachempfinden kann, wie sich Scheitern anfühlt. Auch wenn es gute Gründe dafür gibt, empfindet man es als Niederlage. Mit Blick auf meine eigenen Erfahrungen habe ich mich jedoch gefragt: Ist es denn wirklich so? Bedeutet aufgeben automatisch scheitern?
Kann es nicht auch sinnvoll sein, mit etwas aufzuhören, weil man erkannt hat, dass es einem nicht mehr guttut oder es einfach nicht (mehr) das ist, was man wirklich will? Tut man sich in dem Moment nicht eigentlich etwas Gutes und erlaubt sich, neue Wege zu gehen, statt auf alten, ausgetretenen Pfaden umherzuirren? Ist es nicht eher eine Chance, den Blickwinkel zu verändern?
Niederlage oder Chance
Ich habe für mich selbst beschlossen, dass ich das Schreiben nicht wieder aufgeben werde. Darum mache ich es nicht zu einem Business, von dem mein Lebensunterhalt abhängt. Darum nehme ich mir die Freiheit, in meinem Tempo zu schreiben und zu veröffentlichen und dort sichtbar zu werden, wo ich es möchte und es mich nicht auslaugt. Doch obwohl ich mich auf diese Weise abgesichert habe, beobachte ich doch mit großer Sorge, was da gerade passiert.
Das große Aufgeben? Eine kollektive Niederlage? Der oft prophezeite Niedergang des Buchmarkts? Oder ist es vielleicht eine Chance? Die Chance, die Spielregeln neu zu verhandeln, das Spielfeld neu abzustecken, uns wieder auf den Kern der Sache zu besinnen?
Mir ist klar, dass eine große gemeinsame Anstrengung notwendig wäre, diese Chance zu be- und ergreifen, damit sich wirklich etwas ändert. Und vielleicht ist es zu idealistisch gedacht, geradezu utopisch, darauf zu hoffen, dass alle Player in diesem Spiel teamfähig sind und wirklich zusammen spielen wollen, um das Game zu retten. Aber diese eine Hoffnung lasse ich mir nicht nehmen: Dass ein großer Teil des Buchmarkts sich wieder darauf besinnt, worum es wirklich geht. Das Erzählen von Geschichten mit geschriebenen Worten.
Aufgeben neu interpretiert
Etwas aufzugeben fällt mir heute nicht mehr so schwer. Ich sehe es eher als ein Loslassen. Kürzlich las ich von einer Autorin, die mit und durch YA Romane erfolgreich geworden war, nun aber für Erwachsene schreiben möchte. Das kann man schade finden, weil man ihre YA Bücher liebt oder weil es sich anfühlt, als hätten die Entwicklungen in der Branche sie dazu gebracht, etwas aufzugeben. Man kann es aber auch so sehen, dass sie etwas ablegt, was ihr nicht mehr dient. Das, was danach kommt, passt in dieser Lebensphase viel besser für sie.
Man kann jede Ablehnung durch eine Agentur, die eine Autorin zum Selfpublishing bringt, als Aufgeben und Niederlage interpretieren oder eben als Chance oder sogar als Glücksfall, weil sie dadurch Selfpublisherin wurde.
Man kann es als Niederlage sehen, wenn immer mehr Schreibende sich auf Social Media zurückziehen, oder man sieht darin eine gute Entscheidung für die mentale Gesundheit, ein nötiges Zurückbesinnen auf das Schreiben selbst und eine Möglichkeit, neue Marketingwege zu finden.
Es ist alles eine Frage der Interpretation und des Mindsets. Mir persönlich hat diese Denkweise sehr dabei geholfen, diesen Balanceakt des Daseins als Autorin weiterzugehen. Und ich glaube, die Neuinterpretation dessen, was Aufgeben bedeutet, kann uns kollektiv helfen, die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen in der Literaturbranche und auf dem Buchmarkt zu überstehen.
Auf Wiederlesen!
XOXO
Harlow 🖤






Liebe Harlow,
ich erkenne so viel von mir in deiner Autorinnengeschichte wieder, das ist schon fast erschreckend! Und ich gebe dir in allem Recht: Die Bewertung, ob etwas Aufgeben oder Neuanfangen ist, ist eine Frage der Perspektive und immer individuell.
Das Einzige, das mich als Autorin interessiert, sind meine Leser:innen. Das sind die, denen ich Glück und Freude schenken will und die meine Bücher kaufen. Niemand anderem bin ich verpflichtet, schon gar keinem Algorithmus oder einem "Buchmarkt". Ich glaube, das verlieren viele aus den Augen vor lauter viraler Reels und Zahlen. (Zahlen machen das mit einem, deshalb gucke ich nur einmal im Monat pro forma in meine Statistiken.)
Bisher habe ich ein kleines, treues Testleseteam, das mich mehr als alles…